Wir sind versucht, uns einen Schuh anzuziehen, den die Deutsche Zeitung aus Köln zur allgemeinen Benutzung hingestellt hat. Denn die ZEIT, ebenso wie die WELT und viele andere Blätter, war der Meinung, daß die in Köln versammelten Schlesier den Fernseh-Reporter Neven-du Mont nicht hätten verprügeln sollen. Die "Deutsche Zeitung" denkt da anders. Zwar nennt auch sie diese Szene "höchst unerfreulich", aber sie fügt hinzu, sie sei "unerfreulich schon deshalb, weil der Vorfall den in- und ausländischen Kommentatoren wieder Anlaß geboten hat, die Dinge zu verdrehen und Ursache und Wirkung in völlig falschem Lichte darzustellen". Machen wir also probeweise ein paar Schritte in den auch uns verpaßten Schuhen! Und versuchen wir, die Lampen so zu drehen, daß sie das richtige Licht werfen.

"Wer Wind sät ...", so überschreibt die "Deutsche Zeitung" ihren Kommentar. So hat Neven-du Mont also Wind gesät, als er neulich eine Fernseh-Reportage über die Polen in Breslau machte, "...wird Sturm ernten", heißt die Ergänzung des biblischen Satzes. Also hat der Reporter ganz richtig sein Fett von den Breslauern in Köln gekriegt – logisch!

Die "Deutsche Zeitung" schreibt, das "Recht auf Meinungsfreiheit" stünde nicht nur "Neven-du Mont und seinen wie auch Paczenskys Gesinnungsfreunden" zu. Doch meint sie, daß einer, der "anderer Ansicht ist als sie", gar nicht die Möglichkeit habe, "auf gleicher Ebene der Publikationsmittel zu Worte zu kommen". Und also ruft die "Deutsche Zeitung" pathetisch aus: "Kann es da wundernehmen, wenn sich die Erbitterung über die eigene Ohnmacht in einem Zornesausbruch Luft macht? Auch das ist eine Spielart der Meinungsfreiheit ..."

Soviel wir uns auch bemühen, den Scheinwerfer nach der Regieanweisung aus Köln in die gewünschte Richtung zu drehen, es gelingt uns nicht, sogleich jene anmutige Szene klar auszuleuchten, in der Ohrfeigen als freie Meinungsäußerungen zu bestrafen sind, die nicht "wundernehmen". Daß einer, der über die eigene Ohnmacht verbittert ist, haut – das ja. Das ist einleuchtend. Aber Verständnis für solche "Spielart der Meinungsfreiheit" – dieses barbarische Wohlbehagen will sich uns beim besten Licht sogleich. nicht einstellen.

Nun meint die "Deutsche Zeitung", es sei dem Fernseh-Reporter klar gewesen, daß "sein Erscheinen provozierend wirken müßte". Deshalb dürfe er sich über die Aufnahme, die ihm dort zuteil geworden sei, auch nicht beklagen; es ließe sich überdies "förmlich mit Händen greifen, wie willkommen ihm so viel Publicity ist".

Rücken wir die Szene zusammen! Scheinwerfer, gebt selber Licht! Und was erfahren wir da? Reporter nur dorthin, wo sie willkommen sind! Erscheinen sie trotzdem, haut sie! Und sie haben das ja auch ganz gern. Denn jedes blaue Auge schafft die "Publicity", nach der sie gieren.

Wie aber wär’s mit einer neuen technischen Vorrichtung am häuslichen Fernsehschirm? Da der Abstellknopf dem schlagwillig demokratischen Publikum und den publicity-geilen Reportern offensichtlich nicht genügt, müßte es doch des Deibels sein, wenn die Erfinder mit einigem Grips im Kopf und mit ohnmächtiger Wut im Herzen nicht einen modernen Trick fänden: Man drückt einen kleinen Hebel, und schon sinkt der Mann auf dem Fernsehschirm blutüberströmt zusammen.

Zwar mag dieser Anblick schrecklich sein, doch hat er sicherlich den Vorteil, daß ganz allgemeine Ursache und Wirkung im rechten Licht erscheinen.