Vor neun Monaten plädierte General de Gaulle für eine "Verbundenheit der Waffen" zwischen Frankreich und Deutschland – in einem Sinne, der von vielen als ein Angebot deutschfranzösischer Atompartnerschaft aufgefaßt wurdde. Damals sagte er: "Die Rüstung, in ihrer Planung und Gestaltung, verlangt heutzutage, um schlagkräftig zu sein, daß wissenschaftliche, technische, industrielle und finanzielle Mittel und Fähigkeiten herangezogen werden, deren Grenzen jeden Tag weitergespannt sind. Frankreich und Deutschland können sich dieser Machtmittel um so eher vergewissern, als sie ihre Möglichkeiten vereinen."

Und noch bei seiner Pressekonferenz vom 14. Januar hatte de Gaulle auf die Frage, ob die Bundeswehr seiner Ansicht nach mit eigenen Atomwaffen ausgerüstet werden könnte, geantwortet: "Es ist Sache Deutschlands zu sagen, was es will, und seine Politik zu betreiben. Sie haben gesehen, daß Frankreich auf dem Gebiet der Verteidigung auch seine eigene betreibt. Es liegt auf der Hand, daß eine enge Solidarität zwischen der Verteidigung Deutschlands und derjenigen Frankreichs besteht, aber jedes Land ist Herr in seinem eigenen Hause."

Neuerdings dringen andere Töne über den Rhein. Offensichtlich hatte sich Paris bis zur Verabschiedung der Bundestagspräambel zum deutsch-französischen Vertrag Hoffnungen auf eine sehr viel innigere Partnerschaft gemacht – Hoffnungen, die inzwischen verflogen sind. Die Euphonie des vergangenen Jahres hat einer neuen Nüchternheit Platz gemacht. Die Deutschen werden nicht mehr hofiert, sondern man sagt ihnen wieder harte Wahrheiten.

So erinnerte der Gaullist Louis Terrenoire, Berichterstatter des außenpolitischen Ausschusses über den Elyseevertrag, Mitte letzter Woche an die Erklärung de Gaulles vom März 1959, wonach es zwar die normale Bestimmung des deutschen Volkes sei, sich wieder zu vereinigen, jedoch nur unter der "Bedingung", daß das eines Tages wiedervereinigte Volk seine Grenzen nicht in Frage stelle. Damit meint Paris gewiß nicht die "Grenzen von 1937", denn Terrenoire fügte hinzu! Deutschland dürfe niemals "die Gewalt oder die Intrige in den Dienst des Heimwehs" stellen.

Und hatte de Gaulle im Januar noch, gesagt, Paris und Bonn dächten "genau das gleiche" in Fragen der Verteidigung, so betonte Terrenoire jetzt, die Situation der beiden Partner im atlantischen Bündnis sei nun einmal "nicht die gleiche". Aus diesem Grund stimme die Haltung der Bundesrepublik und Frankreichs zu der von Amerika vorgeschlagenen multilateralen Atomstreitmacht nicht überein. Außenminister Couve de Murville erläuterte die "Ungleichheit" damit, daß die Bundesrepublik durch die Pariser Verträge von 1954 "gebunden" sei, welche die Unterstellung der gesamten Bundeswehr unter die NATO verlangen. Kein Wort mehr davon, daß Deutschland "Herr in seinem eigenen Hause" sei.

Eindeutiger muß sich Couve Ende Mai bei seinem Besuch in Washington gegenüber Präsident Kennedy geäußert haben. Der New York Times zufolge brachten die Franzosen zum Ausdruck, "sie teilten die Besorgnisse der Kennedy-Regierung, Westdeutschland werde unvermeidlich, entgegen dem vertraglichen Verbot von 1954, nach eigenen Atomwaffen streben, um es Großbritannien und Frankreich gleichzutun".

Einen Tag nach Erscheinen dieses Berichts sprach Informationsminister Alain Peyrefitte vor der Pariser diplomatischen Presse von den juristischen und materiellen Hindernissen, die einer deutschen Atombewaffnung entgegenstehen. Auf der "Ebene des Rechts" seien die Dinge durch die Pariser Verträge geregelt, und wenn man sich vor Augen halte, daß Frankreich trotz aller materiellen Vorteile zur Entwicklung seiner unabhängigen Nuklearmacht achtzehn Jahre benötigt habe, dann müsse man fragen, ob die Duetschen es ohne diese Vorteile etwa schneller schaffen könnten. Schließlich erinnerte auch noch Verteidigungsminister Pierre Messmer in einem Interview am 31. Mai daran, daß die Bundesrepublik "hinsichtlich ihrer atomaren Bewaffnung durch internationale und präzise Verpflichtungen gebunden" ist.

Die Anspielungen der französischen Minister auf einzuhaltende Verträge mögen von Saurem-Trauben-Trotz rühren: von Verärgerung darüber, daß Bonn enorme Mittel nicht in die Force de frappe, sondern in die polyglotte Polarisflotte stecken will. In den USA und Großbritannien wurden sie als Absage an Bonn und als Zusicherung für Washington ausgelegt, daß Frankreich die Bundesrepublik nicht, nuklear aufrüsten werde, falls das Projekt einer multilateralen Atomflotte sich zerschlagen sollte. H. W. M. Kahn