München

Nur wenige Tage, nachdem Franz-Josef Strauß in Israel Zeitungsleuten ein eindrucksvolles Bild darüber vermittelt hatte, warum hierzulande eigentlich niemand ruhig schlafen dürfte – „... wenn ich an die Nazi-Vergangenheit von Deutschland denke – fast jeder hat irgend etwas zu vertuschen ...“ –, gelang es der Strauß-Partei in München, diese Erkenntnis ihres Chefs an Hand eines ganz besonders glücklichen Exempels zu vertiefen.

Die CSU betrieb zeitgeschichtliche Studien. Ein Dreier-Ausschuß, dessen Mitglieder nach eigener Offenbarung weder der NSDAP, noch einer ihrer Gliederungen angehört hatten, befaßte sich mit einem prominenten Parteifunktionär, der neuerdings behauptet, er habe nichts zu vertuschen, gleichwohl aber bis 1951 sein Dasein unter falschem Namen fristete.

Damals hieß der CSU-Mann noch Dr. Schreiter. Dieses Pseudonym war freilich nur für jene Bereiche der jungen Demokratie gewählt worden, in denen führende Nationalsozialisten Ärger bekommen konnten. Nicht dazu gehörte beispielsweise die bayerische Staatskanzlei, deren Leiter, Anton Pfeiffer, den angeblichen Schreiter mit warmen Empfehlungsbriefen an Bonner Stellen ausrüstete, obschon er genau wußte, daß der andere eine bedeutende NS-Karriere als Max Frauendorfer absolviert hatte.

Frauendorfers Schreiter-Epoche ging vorüber, es begann seine Karriere in der CSU. Er avancierte zum zweiten Landesschatzmeister und bemühte sich ungeniert, die Christlich-Soziale Union in einem Parlament zu repräsentieren. 1958 strebte er in den bayerischen Landtag, 1962 in den Bundestag. Beide Male brachten es aufrechte Persönlichkeiten wie der „Ochsensepp“ Josef Müller, gerade noch fertig, Frauendorfers Begehren einen Riegel vorzuschieben. Da der potentielle Volksvertreter höchste Protektion genoß, gab es in der Partei seinetwegen Krach. Nach den letzten Auseinandersetzungen aber beschlossen Strauß und seinesgleichen, den Gegnern Frauendorfers endgültig den Mund zu stopfen. Sie organisierten ein Gremium, das nunmehr alle Erwartungen vollauf erfüllte.

Der Ausschuß erkannte zunächst, Frauendorfer sei nie Adjutant des Münchner Polizeipräsidenten Heinrich Himmler gewesen, sondern lediglich während seiner Referendarzeit für etwa sechs Wochen im Vorzimmer Himmlers „mit untergeordneten Arbeiten“ beschäftigt worden. Diese Information ist insofern bemerkenswert, als Frauendorfer noch im Januar Kapfingers „Passauer Neuer Presse“ gegenüber „keinesfalls ein Hehl“ daraus machte, daß er 1933 „als persönlicher Adjutant“ des seinerzeitigen Münchner Polizeipräsidenten Himmler gewirkt habe.

Die Kapfinger-Gazette trat mit lärmendem Enthusiasmus für den Himmler-Adjutanten ein und empörte sich darüber, daß er „diskriminiert“ und von Kommunisten verfolgt würde. Denn: „Das NS-Gastspiel gab Max Frauendorfer aber schon 1935 auf. Es kam deshalb in München zu einem großen Skandal, und Frauendorfer wurde ‚wegen politischer Unzuverlässigkeit‘ von den damaligen Machthabern sämtlicher Ämter enthoben“. Also gehöre er in den Bundestag.