Göttingen Eigentlich geht es um die Exegese des ersten Johannes-Briefes – im Seminar des Göttinger Theologen Professor D. Hans Conzelmann. 1. Johannes 2, 19: "Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns. Denn wo sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns geblieben, aber es sollte offenbar werden, daß sie nicht alle von uns sind."

In der vergangenen Woche machte der Prodekan der evangelisch-theologischen Fakultät unmißverständlich und endgültig deutlich, daß sie auch in Zukunft nicht bei ihm sein werden: Die Kommilitonen mit bunten Mützen, Bändern, Bierzipfeln und Mensur-Narben. Am Dienstag dementierte Conzelmann vor seinen Studenten die vom Göttinger AStA-Vorsitzenden in die Lokalpresse lancierte Meldung, er werde in sein neutestamentliches Seminar nachträglich doch noch Waffenstudenten aufnehmen. Der erste Gang zwischen den Schlagenden und dem Theologen endete damit eindeutig zugunsten Conzelmanns.

Über zwei Monate hatte man sich in den Göttinger Verbindungshäusern auf diese Auseinandersetzung vorbereitet. Im Wintersemester hatte sich der Streit des Theologie-Ordinarius mit den Waffenstudenten entzündet – an einer "Mensurmaske". In der letzten Seminar-Sitzung entdeckte Conzelmann einen Studenten, der stolz seine frischgeschnittenen Akademiker-Narben unter weißen Wickeln verbarg. Der Professor fand den Anblick unästhetisch, entschied, daß eine "Mensurmaske" nicht das passende Kleidungsstück für den Besuch eines theologischen Seminars sei und wies den überraschten Studenten aus dem Saal. Dann teilte er seinen Hörern mit, daß er sich im kommenden Semester leider zu einer Begrenzung der Zahl seiner Seminaristen entschließen müsse und daß ihm Waffenstudenten als Mitarbeiter unerwünscht seien.

Zehn Wochen lang machten die so Provozierten ihrem Ärger nur am Biertisch Luft. Zu Beginn dieses Semesters jedoch schienen ihnen die Zeichen günstig für den Gegenschlag. Zum erstenmal war es der schlagenden Minorität der Studenten auch in Göttingen gelungen, die Macht in der studentischen Selbstverwaltung zu ergreifen. AStA-Chef und Studentenratsvorsitzender sind auf dem Paukboden zu Männern gereift.

Der schlagende Rats-Präsident, Jürgen Borgwardt, formulierte eine Resolution mit dem Ersuchen an Rektor und Senat der Georgia Augusta, dafür zu sorgen, daß die Zulassung zu Seminaren nur nach "sachlichen und fachlichen" Gesichtspunkten vorgenommen werde. Borgwardt übergab den Resolutionsentwurf der Presse und verlas ihn vor Rundfunkmikrophonen, bevor sich der Studentenrat überhaupt mit ihm befaßt hatte. Die Blamage blieb ihm jedoch erspart: Eine knappe Mehrheit der studentischen Parlamentarier sprach sich für das "Ersuchen" ihres Präsidenten aus, das der AStA-Chef, Horst Werner, anderntags Se. Magnifizens, Professor Scheibe, überbrachte.

Der Rektor und seine Kollegen im Seliat standen damit vor der unangenehmen Situation, sich zwischen den Waffenstudenten und dem Prodekan der theologischen Fakultät entscheiden zu müssen. Nach eingehenden Beratungen schrieben sie dem AStA-Vorsitzenden einen salomonischen Brief: Es sei selbstverständlich, meinten sie, daß "der Zugang zu den Lehrveranstaltungen der Universität nur nach sachlichen Gesichtspunkten beschränkt und geregelt wird", genauso selbstverständlich wie das Recht jedes Lehrenden zur freien Meinungsäußerung oder "der Warnung vor unserem Volk etwa drohenden Gefahren". Ob Conzelmann nun von seinem Recht Gebrauch gemacht hatte oder gegen akademische Grundsätze verstieß, ließen die Universitätsväter offen.

Der AStA-Vorsitzende, Horst Werner, vom Ergebnis seiner Mission nicht voll befriedigt, teilte die Antwort des Rektors der Lokalpresse in leicht redigierter Form mit. Die Göttinger mußten darauf ihrer Presse entnehmen, daß Conzelmann vom Senat gehörig zurechtgewiesen worden sei. Werner band der "Göttinger Presse" außerdem noch den Bären auf, Conzelmann sei den Waffenstudenten zu Kreuze gekrochen und habe erklärt, Studenten mit Gesichtsnarben seien ihm in seinem Johannis-Seminar wieder willkommen.