Man selber zögerte. Nicht aber die junge kranke Frau. "Natürlich...", das hatte der Professor gesagt, "Sie können die Patientin ruhig mitnehmen bis zur Innenstadt; den Weg zurück findet sie dann allein ..."

So saß denn die junge kranke Frau mit den umschatteten Augen neben mir im Auto. Sie hatte den Rock geglättet und weit über die Knie gezogen; hatte die Hände kindlich gefaltet und freute sich. "Ich bin immer so gern auf der Hauptwache", erzählte sie. "Als ich noch nicht krank war, bin ich zweimal am Tage immer umgestiegen auf der Hauptwache. Aber später wurde ich ja krank ..." Man nickt. Man tut, als wisse man genau Bescheid mit dieser Krankheit, gerade dieser. Doch in Wahrheit ist man ahnungslos, ist ein wenig ängstlich sogar und sonderbar abwehrend neben der fröhlichen Nachbarin. Denn nur eines weiß man mit Sicherheit von ihr und ihrer Krankheit: daß sie unter Wahnvorstellungen leidet und also eine "Gestörte" ist. Und daß sie darum seit ein paar Wochen Patientin ist in einer neuen Klinik, der Tagesklinik der Universitätsnervenklinik in Frankfurt am Main.

Reif für den Seelen-Arzt

Wie viele dieser in ihrer Seele "Gestörten" neben uns und unter uns mag es wohl geben?

Ihre Zahl ist groß, so groß sogar, daß niemand, der sich für gesund, ja, wichtiger noch, für "natürlich ganz normal" hält, triumphieren dürfte. "Störbarer als je zuvor" sind alle Menschen unserer Tage geworden, das hat der Bonner Professor Dr. med. Weitbrecht festgestellt. Man schätzt, daß die psychoneurotischen Fälle in den ärztlichen Sprechstunden der westlichen Welt zehn bis dreißig Prozent aller Patienten ausmachen. Von den Internisten hört man, daß dreißig bis vierzig Prozent ihrer Kranken "reif für die Behandlung durch einen Seelen-Arzt" seien, und der Altmeister der Psychotherapie, Professor Dr. J. H. Schultz, vertrat erst kürzlich die Ansicht, daß es allein in Deutschland etwa eine Million Neurotiker gebe.

Um jährlich zwei Prozent – nach britischen Schätzungen – ja, um drei Prozent – nach neuesten deutschen Schätzungen – nimmt die Zahl der psychisch Kranken zu.

So also ist die Lage und das Bild einer, wenn man so will, "Jedermann"-Gefährdung, vor der niemand gefeit sein kann. Umso erstaunlicher ist es, daß sich die Einstellung der Noch-Gesunden nicht geändert oder auch nur gemildert hat. Als wäre Ansteckung zu befürchten, rücken sie eilig ab, kommt ihnen, selbst in der eigenen Familie oder im engen Freundeskreis, einer dieser "Spinner" allzu nahe, und noch immer gilt die Beobachtung des Weltgesundheitstages aus dem Jahre 1959: Unkontrollierbare und ungerechtfertigte Gefühle der des Abscheus, der Scham möchten die Menschen dazu verleiten, geistig oder psychisch Kranke von der Gesellschaft abzusondern."