R. B., Berlin, im Juni

Zwischen Ostberlin und Wien hat die Regierung der DDR. im Einvernehmen mit der Regierung Österreichs eine Fluglinie eröffnet. Es soll kein regelmäßiger Linienverkehr sein; die Maschinen fliegen nur, wenn genügend Anmeldungen vorhanden sind. Eine staatliche Gesellschaft namens Interflug bietet den Berliner Ferienreisenden den Hin- und Rückflug zum Preise von 260 bis 290 Mark. Der Flug mit westlichen Maschinen über Frankfurt oder München kostet 384 Mark in der zweiten und 532 Mark in der ersten Klasse.

Zur Erleichterung dieses Feriendienstes haben die Ostberliner Behörden am südöstlichen Ende von Westberlin einen neuen Sektorenübergang geschaffen. Der Ostberliner Flughafen Schönefeld liegt etwa zwei Kilometer davon entfernt. Bisher mußten Reisende, die von Schönefeld nach Warschau, Moskau, Prag oder Peking starten wollten, den beschwerlichen und anderthalbstündigen Umweg über die Stadtmitte nehmen.

Es ist also eine Erleichterung, die Ostberlin anbietet. Allerdings, einem Teil der Westberliner gefällt sie nicht. Als am Eröffnungstage zwei Limousinen mit Reisebüroleitern den Kontrollpunkt passierten, stand ein Häufchen Demonstranten und schrie Pfui. Eigentlich hätten es zweihundert Demonstranten sein sollen, wie es am Vorabend auf einer amerikanischen Cocktailparty angekündigt worden war. Doch die Organisation, die den Protest arrangierte, vermochte nur dreißig auf die Beine zu bringen. Auch der Senat demonstrierte Unwillen: Er veranlaßte die Westberliner Polizeiposten, die Wien-Reisenden genau zu kontrollieren. Die Westalliierten schließlich äußerten Befremden, weil der Sektorenübergang ausschließlich für Wien-Reisende bestimmt ist.

Dies ist es auch, was die meisten Westberliner verstimmt: daß der Sektorenübergang zum Schönefelder Flughafen wieder einmal Sonderrechte schafft. Nur wer nach Wien fliegen will darf dort hindurch. Für den allgemeinen Durchgangsverkehr von und nach Westberlin aber bleibt der Übergang gesperrt.

Derlei Ausnahmerecht herrscht freilich schon an allen anderen Sektorenübergängen. An der Friedrichstraße dürfen nur die Ausländer passieren, an der Heinrich-Heine-Straße nur die Westdeutschen, an der Inyalidenstraße nur die Westberliner mit Sondergenehmigung. Auch der neue Übergang Richtung Schönefeld wird wohl bald zum Pensum des täglichen Gewohnheitsärgers in Berlin gehören – es sei denn, die Alliierten entschlössen sich, an dieser Stelle eine westliche Sperre zu errichten. Dann aber hätten die Alliierten nur den Pan American Airways den British European Airways und der Air France einen Dienst geleistet, die für das Billet nach Wien 100 bis 200 Mark mehr verlangen als die sowjetzonale "Interflug".