Archäologische Sensation im nördlichen Griechenland

Wer Griechenland mit dem Auto oder mit der Bahn besucht, sollte nicht versäumen, einen Abstecher nach Pella, dreißig Kilometer nordwestlich von Saloniki, zu machen. Die Straße dorthin ist vorzüglich. Die alte mazedonische Metropole unter den Herrschern Archelaos, Philipp II. und Alexander dem Großen, die im Jahre 1957 durch einen Zufall wiederentdeckt wurde, kommt immer deutlicher zutage. Auf dem bereits freigelegten archäologischen Feld, auf dem man eine Fürstenwohnung oder ein Amtsgebäude vermutet, hat man die wohl besten Bodenmosaiken, die aus hellenistischer Zeit auf unsere Tage gekommen sind, gefunden und sichergestellt. Sämtliche Fußböden aus Kieselmosaik, die geometrische Muster aufweisen, sind vollkommen ergänzt worden. Zu dieser vermutlichen Fürstenwohnung gehören drei Hallen mit Säulen ionischer Art aus einem leicht zu bearbeitenden örtlichen Kalkstein.

Bei jüngsten Grabungen, die nun schon ein nahes Dorf bedrohen, das wahrscheinlich verlegt werden muß, kamen abermals hervorragende Darstellungen ans Licht, wovon das eine Mosaik eine Hirschjagd wiedergibt. Zwei andere stellen Achilleus und Penthesilea, die Königin der Amazonen, und den Raub Helenas durch Theseus dar. Auch diese neuen Funde sind hervorragende, aber bedauerlicherweise sehr zerstörte Werke, die viel von ihrer Schönheit und Vollkommenheit eingebüßt haben.

In dem neuen Grabungsgebiet konnten bereits vier Gebäudekomplexe freigelegt werden. Es wurde auch die sehr durchdachte Wasseranlage dieser Siedlung gefunden. Nach Angaben der Archäologen stammt dieser Teil des Geländes aus der Zeit um 300 v. Chr. und könnte den Nachkommen Alexanders des Großen zugeschrieben werden. Überraschend ist die Größe der Räume, die bis zu 120 Quadratmeter erreichen. Während der Grabungsarbeiten fand man verschiedene Sämereien aus der alten Zeit, wovon ein Korn, vermutlich eine Linse, noch zu sprießen begann. Nach Aussagen der Landwirte konnte das gleiche Phänomen bisher nur in Ägypten beobachtet werden, wo Körner aus der Pharaonenzeit zum Wachstum ansetzten.

In einem der neuen Gebäude ist ein gekachelter Baderaum entdeckt worden, der sich in einem hervorragenden Zustand befindet und sich in seinem System kaum von den neuzeitlichen unterscheidet. Trotz dieser großartigen Anlage scheint es dennoch ausgeschlossen, daß es sich um den Palast des Archelaos handelt, der um 400. v. Chr. entstanden sein muß, als er die Hauptstadt von Aigae (Edessa) nach Pella verlegte. Archelaos verhalf dem neuen Regierungssitz zu Größe und Schönheit. Er ließ sie durch namhafte Künstler wie Zeuxis schmücken. Die Pracht seines Palastes wurde so berühmt, daß ein Spötter darüber äußerte, es kämen zwar viele Menschen nach Pella, um den Palast zu sehen, aber keiner, um Archelaos zu sehen, der soviel Geld dafür ausgab. An seinem Hof lebte Euripides.

In dieser "größten unter den mazedonischen Städten", wie Xenophon sie nannte, gab es viele Heiligtümer sowie ein Theater und stattliche Verwaltungsgebäude. Den eigentlichen Palast vermutet man auf der weiter nördlich gelegenen Anhöhe, wo Pella eine stark befestigte Akropolis hatte.

In etwa 500 Meter Entfernung südlich von der heutigen Straße ragte bis zu seiner Trockenlegung vor 35 Jahren aus dem großen See von Giannitsa, der in alten Zeiten Verbindung mit dem Meer hatte, eine kleine Insel empor, auf der nach alten Beschreibungen die Festung mit dem Schatzhaus der Könige gestanden haben soll.

Das Ausgrabungsfeld wird immer größer. Die bisher gemachten Funde zeigen das hohe Niveau der Töpfer, Bildhauer, Erzgießer und Mosaikleger, die in dieser Stadt arbeiteten, als sie auf dem Höhepunkt ihrer politischen, militärischen und finanziellen Macht waren. Es war die Metropole, die Alexander den Großen zu seinen außerordentlichen Taten befähigte und die als seine Geburtsstadt angesehen wird. A