Die "letzte Chance" für die nubischen Felsentempel von Abu Simbel kündigen dramatische Meldungen aus Ägypten an. Die Regierung will nun den offenbar letzten Versuch unternehmen, die 3000 Jahre alten massiven Monumente für kommende Generationen zu retten. Die genialen Pläne der Techniker aus Europa, den großen Ramses-Tempel und den Nefertari-Tempel nach einer italienischen Idee aus dem Felsmassiv herauszuschneiden und als Block 60 Meter bis über den Wasserspiegel des neuen Assuan-Stausees zu heben, lassen sich nicht verwirklichen: Das von einigen Nationen gespendete Geld erreichte trotz des vermutlich letzten Aufrufes der Unesco nicht die erforderliche Summe von 70 bis 80 Millionen Dollar, und auch Ägypten war nicht bereit, einen großen Anteil beizusteuern. Vor der Wahl, diesen großzügigen Plan ingeniöser Phantasie zu verwirklichen oder diesen Kunstschätzen der Antike den Rücken zu kehren, wählten die großen Nationen der Welt das zweite.

Nun möchte die ägyptische Regierung von der Unesco die Zustimmung und das Geld dafür, um die Riesenstandbilder und Tempelfriese von Abu Simbel aus dem Felsen herauszusagen und zu zerlegen und auf einem Berggipfel über dem neuen Stausee, der 500 Kilometer lang von Assuan bis tief in den Sudan hineinreichen wird, wieder zusammenzusetzen.

Hier könnten die Erfahrungen genutzt werden, die die deutsche Technikergruppe bei der Rettung der Tempel von Kalabscha gemacht hat. Die Tempel waren in zweijähriger Arbeit in 20 000 Bauelemente zerlegt und 50 Kilometer südlich auf einer Anhöhe, die nicht gefährdet ist, neu aufgebaut worden.

Diese Aktion würde "nur" 36 Millionen Dollar kosten. Bisher sind aber als Spenden bei der Unesco erst 19,2 Millionen Dollar vorhanden, so daß Ägypten selbst noch einen erheblichen Beitrag leisten muß. Eile ist geboten, denn durch die Verfolgung des utopischen Projektes, den Tempel zu heben, hat man zwei Jahre verloren, und schon im September nächsten Jahres wird der Nil südlich von Shellah ständig zu steigen anfangen, obwohl der neue Hochdamm voraussichtlich erst 1970 fertig sein wird.

Andere Vorschläge, Abu Simbel zu retten, die alle weniger kostspielig sind als die italienische Idee, werden im Augenblick schon nicht mehr diskutiert. Ein indischer Architekt zum Beispiel wollte eine hohle Pyramide über den Ramses-Tempel stülpen; doch wäre es Besuchern dann schwer gemacht, den Tempel noch zu sehen. Ein englischer Plan sieht vor, eine Mauer um Abu Simbel zu bauen, sie soll die trüben Fluten des Nils weghalten. Zugleich sollten dann die Tempel mit klarem Wasser überflutet werden und so den Druck des Flusses ausgleichen. Dies hätte den Besuchern erlaubt, mit einem wasserdichten Lift die Statuen und Felszeichnungen unter der Oberfläche zu betrachten. Es heißt, dieses Projekt würde "mit effektvoller Unterwasserbeleuchtung" nur etwa 12 Millionen Dollar kosten. Aber da das Wasser das Volumen der Skulpturen wahrscheinlich komisch verzerren würde und außerdem nicht sicher ist, ob der weiche Sandstein von Abu Simbel überhaupt dem Wasser standhielte, wird dieser englische Plan als ein "schlechter Witz" kritisiert. Auf jeden Fall wird, wenn die Tempel gerettet werden sollen, 1964 spätestens eine niedrige Mauer darum gebaut werden, ehe das Wasser steigt.

Fieberhaft sind auch im übrigen Gebiet dieses späteren Stausees in Ägypten und im Sudan immer noch Archäologen aus vielen Nationen – Amerikaner, Engländer, Franzosen, Deutsche, Holländer, Spanier, Schweizer, Polen, Schweden, Dänen, Finnen, Kanadier, Argentinier, Ghanesen und andere – dabei, in immer drängenderer Eile zu bergen, was geborgen werden kann. Und die Reiseunternehmer, die "Abu Simbel vor dem Untergang" auf ihrem Programm haben, machen gute Geschäfte. Der Andrang der Touristen nach Nubien war in den letzten Jahren explosiv, und er nimmt immer noch zu. EvM.