London, im Juni

Ich habe ein Anrecht auf das Verständnis und das Vertrauen des Landes." So schloß Macmillan seine Rede, aber als er dann das Unterhaus verließ, nach den bitteren Angriffen konservativer Abgeordneter, die ihn viel tödlicher trafen als die Rede, mit der Harold Wilson die Debatte am Montag eröffnete – als er zum Chor der Opposition "Zurücktreten, zurücktreten!" aus der Kammer hinausschritt, da sah er aus wie ein gebrochener Mann. Eine Abstimmung, bei der sich 27 Konservative weigerten, für ihre eigene Regierung zu stimmen, war nicht gerade ein Beweis für Verständnis und Vertrauen.

Den Rücktritt eines Regierungschefs vorauszusagen, ist immer riskant, aber gegenwärtig wird mit Sicherheit angenommen, daß Macmillan demnächst einem anderen Mann an der Spitze der konservativen Partei und der Regierung Platz machen wird. Man fragt sich, ob er es nicht tunlichst noch vor dem Besuch Präsident Kennedys machen sollte. Oder werden die Tories mit dem Wechsel bis zu den Parlamentsferien warten? Und wer wird der Nachfolger sein? Wird es Butler oder wird es Schatzkanzler Reginald Maudling? Um in der Börsensprache zu sprechen: Butler notiert flau, Maudling zieht stark an. Das Dilemma der Tories besteht darin, daß es einfach keinen Mann gibt, den die rechtzeitige Wiederherstellung der erschütterten Parteimoral zugetraut werden könnte.

Wilson warf Macmillan in der großen Debatte über die Profumo-Affäre vor, er habe mindestens elf Wochen lang gewußt, daß die Beziehung seines Kriegsministers zu Dr. Steven Ward und dessen Freunden und Freundinnen die Sicherheit des Landes bedrohe oder bedroht habe, aber er habe nichts unternommen; er habe vielmehr, wie ein "geborener Spieler", darauf gehofft, daß die Affäre Profumo der Öffentlichkeit nie bekannt werde. In seiner langen Entgegnung gelang es Macmillan, das Unterhaus zu überzeugen, daß er nicht wissentlich und willentlich Profumo. gestattet habe, am 22. März vor dem Unterhaus eine falsche persönliche Erklärung abzugeben.

In diesem Sinn konnte der Premierminister seine Ehre reinwaschen. Aber in diesem Sinn hatte niemand seine Ehre angetastet, am allerwenigsten Harold Wilson, der mit besonderer Vorsicht und kalkulierter Zurückhaltung sprach. Aber der "unerschütterliche Mac" – wie er einst begeistert in Tory-Kreisen genannt worden war – hat in dieser Angelegenheit seine Unerschütterlichkeit viel zu weit getrieben, war diesmal über seine eigene Nonchalance gestolpert; und nicht die anderen erlagen seinem Bluff, sondern er selbst.

Weder der Geheimdienst noch die Polizei, so versicherte er dem Haus, hätten ihn vor dem 22. März daran zweifeln lassen, daß Profumos Beziehungen zu Christine Keeler und Dr. Ward völlig unschuldig waren. Um so schlimmer, denn in derselben Rede konnte er nicht leugnen, daß Christine Keeler schon am 26. Januar der Polizei mitgeteilt hatte, sie sei vor einem Rendezvous mit Profumo von Dr. Steven Ward beauftragt worden, herauszufinden, wann gewisse Waffen geliefert werden würden. Am 30. Januar lag der Bericht des Geheimdienstes vor, daß Ward Christine Keeler befohlen hatte, von Profumo Einzelheiten über den Transport gewisser Dokumente von Amerika in die Bundesrepublik zu erfragen.

Warum wurde dies dem Premierminister als Chef des Geheimdienstes erst am 29. Mai mitgeteilt? Er selbst gab das bedauernd zu, ohne damit die Verantwortung von sich selbst als schließlich verantwortlichen Mann abwenden zu können. Dr. Steven Ward (der jetzt unter der Anklage, "ganz oder zum Teil von weiblicher Prostitution gelebt zu haben", im Gefängnis sitzt) sagte dem Privatsekretär Macmillans Anfang Mai, Profumos Unterhauserklärung über seine unschuldigen Beziehungen mit Christine Keeler sei eine glatte Lüge gewesen. Warum wurde aus dieser Enthüllung (trotz wiederholter Bemühungen Wilsons, dem ähnliche Erklärungen Wards vorlagen) nicht prompt drastische Konsequenzen gezogen?