G. Z., Frankfurt

Die Statistik, nach der jährlich 15 000 junge Mädchen aus Europa verschwinden, nennt Rudolf Thomsen, Regierungs- und Kriminalrat im Bundeskriminalamt, "aus der Luft gegriffen" und die "Fleißarbeit eines Reporters während der Saure-Gurken-Zeit". Diese Zahl geistere schon lange durch die Zeitungen, lasse aber keinerlei Rückschlüsse auf den Umfang des Mädchenhandels zu. Auf die Frage nach amtlicher deutscher Statistik über den "Handel in Blond" gibt der Wiesbadener Kriminalbeamte die Auskunft: "Es gibt bei uns seit 1945 kein rechtskräftiges Urteil wegen Mädchenhandel."

Tatsächlich war es im Sommer vergangenen Jahres dem Landgericht in Bochum nicht gelungen, beim ‚Madorna-Ballett"-Prozeß dem Tanztruppen-Ehepaar Hoorweg auch Mädchenhandel nachzuweisen. Das Zuchthausurteil war mit Zuhälterei, Kuppelei und Abtreibungsversuchen begründet worden und über die Revision, von beiden Seiten eingelegt, ist noch nicht entschieden. Den Tatbestand des Paragraphen 48 des Auswanderungsgesetzes sah das Gericht als nicht erfüllt an, da den Eheleuten nicht nachzuweisen gewesen sei, "daß von vornherein ein arglistiges Verschweigen der Zuführungsabsicht zur gewerblichen Unzucht vorgelegen habe".

So liegt es wohl zu einem nicht geringen Teil an der komplizierten Rechtslage, wenn es an exakten statistischen Unterlagen fehlt. Während das "deutsche Nationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels", das vor einiger Zeit seinen Sitz von Berlin nach Frankfurt verlegt hat, fest davon überzeugt ist, daß beim "Madorna-Ballett" ein typischer Fall von Mädchenhandel vorliege, war sich das Gericht in Bochum noch lange nicht darüber im klaren. "Nach unserer langjährigen Erfahrung", stellt das Komitee fest, "kann sich kein Tanztruppen nach dem Orient führender Unternehmer damit entschuldigen, daß er von dem Zweck und Ziel und dem Ausgang seines reisenden Bordells vorher nichts gewußt habe." Ein Bankräuber, der mit Maske und Revolver einen Bankschalter überfalle, könne sich auch nicht damit herausreden, daß er erst durch den Anblick des blinkenden Geldes in der Kasse auf den Gedanken gekommen sei, die Kasse zu berauben.

Obwohl also der Anteil der Bundesrepublik am Mädchenhandel eine unbekannte Größe ist, haben die Reformer unseres Strafrechts dem menschenhandel im Entwurf für ein neues Strafgesetzbuch, der jetzt dem zuständigen Bundesausschuß zur Beratung vorliegt, eine besondere Strafvorschrift gewidmet. Das wird einmal damit begründet, daß "der Handel mit Menschen, durch den die Prostitution anderer ausgebeutet wird und von dem überwiegend Frauen und Kinder betroffen sind, zu den schamlosesten Verbrechen gehört, die das Strafrecht kennt". Zum anderen wollte man den zahlreichen zwischenstaatlichen Vereinbarungen zur Bekämpfung des Mädchenhandels, an die die Bundesrepublik gebunden ist, Rechnung tragen. Hinzu kommt, daß die einschlägigen Strafvorschriften bisher nicht im Strafgesetz, sondern in einem Gesetz zu finden waren, das das Auswanderungswesen regelt. Deshalb heißt es heute im Paragraph 229 des Reformentwurfs für ein neues Strafgesetz: "Wer gewerbsmäßig ... einen anderen anwirbt, um ihn zur Unzucht ins Ausland zu bringen ... wird mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren bestraft".

Mit dieser Formulierung ist das deutsche Nationalkomitee allerdings nicht ganz zufrieden. Man fühlt sich durchaus berechtigt, hier mitzureden, denn der 1899 gegründete Verein beteiligt sich nicht zum erstenmal an der Diskussion über die strafrechtliche Ahndung des Handels mit Menschen. Schon 1925 und 1929 arbeitete man im Strafrechtsausschuß des deutschen Reichstags maßgeblich an der Formulierung von Reformentwürfen mit. Was den Experten der Bekämpfung des Mädchenhandels am Paragraphen 229 des Entwurfs mißfällt, ist vor allem, daß einem Mädchenhändler die "Gewerbsmäßigkeit" nachgewiesen werden muß, um ihn ins Zuchthaus zu bringen. ‚Die allgemeine Voraussetzung der Gewerbsmäßigkeit bürdet den Gerichten eine schwere Beweislast auf und wird von dem Verteidiger der Mädchenhändler stets ausgenutzt". Das deutsche Nationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels schlägt deshalb vor, dem Tatbestandsmerkmal "gewerbsmäßig" im Paragraphen 229 des Strafgesetzentwurfs den Passus "oder aus Eigennutz" hinzuzufügen.

Doch eine Gesetzesreform auf diesem Gebiet scheint nicht unbedingt dringendes Gebot der Stunde: Das deutsche Nationalkomitee selbst stellt in seinem letzten Tätigkeitsbericht fest, "daß unsere Wirtschaftswunderlage den Auswanderungsdrang und die Auswanderung selbst sehr stark vermindert hat". Die Anfragen von Frauen und Mädchen seien entsprechend zurückgegangen. Die Beratung werde im übrigen in so vorbildlicher Weise durchgeführt, "daß bei einiger Vernunft und Sorgfalt keines der heirats- und verlobungslustigen Mädchen unberaten und ungewarnt bleiben wird. "Ölscheich-Abenteuerfiguren lassen sich nicht beraten und werden nur durch die Bitterkeit ihrer Erfahrungen und dann zu spät etwas kluger".