Von Peter R. Hofstätter

Wie man hört, soll demnächst das Studium der sogenannten Zeitgeschichte in den Lehrplänen unserer höheren Schulen neuerlich – und zwar auf Kosten der Fächer Geschichte und Geographie – ausgeweitet werden.

Was verspricht man sich davon eigentlich, und was ist man bereit, sich die eventuelle Einlösung dieses Versprechens kosten zu lassen?

Auf der Kostenseite notiere ich die Bildung – ja, wirklich, die Bildung schlechthin; und auf der Gewinnseite eine Illusion, nämlich die der in aller Form zum Schulpensum erhobenen Bewältigung der Vergangenheit.

Daß dieses schiefe Wort es jemals zu solcher Popularität im deutschen Sprachgebrauch bringen würde, war kaum vorauszusehen, es sei denn, man hätte sich an den langatmigen ersten Stunden der Hitler-Reden orientiert, in denen die Geschichte der "Partei" abgehandelt zu werden pflegte. Derlei auf ihre eigene Wirksamkeit zurückgestutzte Historie steht Diktaturen wohl an: Mussolini numerierte die Jahre vom Marsch auf Rom an neu, und in Rußland ersetzt die Parteigeschichte weite Strecken der Weltgeschichte.

Schön und gut, diese Leute mögen wissen, was sie erreichen wollen; für uns aber dürfte es ziemlich klar sein, daß unsere Ziele woanders liegen.

Man treibt in jenen Systemen kurzsichtige Zeitgeschichte, weil man aus dem Gefühl heraus lebt, es kürzlich, das heißt innerhalb der letzten Jahrzehnte, so herrlich weit gebracht zu haben. Mit diesem Glauben ist man bestrebt, auch die Herzen der Jugend zu erfüllen, indem man ihre Augen an eine Perspektive gewöhnt, in der – nehmen wir den lokalen Fall – hinter Schlageter und Horst Wessel die Stauferkaiser auf die Dimensionen von Gartenzwergen zusammenschrumpfen.