"Weil es uns Spaß macht"

Ein Gespräch mit Staatssekretär Chataway, dem früheren Weltrekordläufer

Im Juli vorigen Jahres feuerte Harold Macmillan sechzehn seiner Kollegen aus der Regierung, um durch attraktive Neubesetzungen dem etwas ramponierten Tory-Renommee einen New-look zu verleihen. Inzwischen hat sich ja herausgestellt, daß der Premier schon 1959 bei. der Berufung des Heeresministers nicht gerade seine glücklichste Hand hatte.

In einem anderen Fall schien das Experiment aber besonders gewagt, ja geradezu tollkühn zu sein, als "Mac-wonder" nämlich für den Posten des parlamentarischen Staatssekretärs im Erziehungsministerium einen einunddreißigjährigen jungen Mann namens Chataway berief, der bis dato der Öffentlichkeit nur als Meisterläufer und Fernsehansager bekannt geworden war.

Hier, so konnte es scheinen, wurde doch gar zu billig auf "Publicity" und deren Ummünzung in Wählerstimmen spekuliert.

Nachdem ich den Staatssekretär und stellvertretenden Minister schriftlich um eine Unterredung gebeten hatte, bekam ich ein handgeschriebenes Brieflein, auf grauem Papier, in dem mir der Privatsekretär mitteilte, daß Mister Chataway sich freuen würde, mich um 11 Uhr im Ministerium zu treffen. Ziemlich klein stand links oben auf dem "Billet": Ministry of Education – das war alles. Kein Wappentier, kein dräuender Aar und auch kein brüllender Löwe zierte das Schreiben; das markige "Der Minister" fehlte ebenso wie der Amtsstempel, und was all dergleichen behördlicher Insignien sind, mit denen man in Deutschland gern versucht, den Untertanen den nötigen Respekt beizubringen.

Als ich mich einige Minuten zu früh im Ministerium, einem Backsteinbau, der gerade keine architektonische Zierde ist, anmeldete, ging es genau so unkonventionell zu. In einem Warteraum standen bequeme Sessel und lagen die Morgenzeitungen aus. Punkt elf wurde ich in das Zimmer des stellvertretenden Ministers geführt. Neben einem normal großen Schreibtisch ohne ein einziges Aktenstück stand Chris Chataway, den ich sofort wiedererkannte, obwohl ich ihn nur – und das vor neun Jahren – als Akteur auf der Aschenbahn gesehen hatte. Die damals noch etwas wilde, rotblonde Mähne war nun glattgebürstet, und nur der korrekte dunkle Anzug verriet vielleicht den Tory-Diplomaten, während Aussehen und Auftreten eher an einen Labour-Politiker denken ließen oder zumindest an das Bild, das sich ein kontinentaler "foreigner" von einem solchen zu machen pflegt. Es ist kein Geheimnis, daß Chataway mit seinen politischen Ansichten am linken Flügel der Konservativen steht, obwohl er in Oxford studierte und graduierte. Dort fiel er nicht nur durch schnelles Laufen über lange Strecken, sondern auch durch ein ausgezeichnetes Abschlußexamen auf. Und als Student hatte er nicht nur dem Intervalltraining, sondern auch schon dem Studium der Politik gehuldigt. Und so war er ebenso auf der Aschenbahn wie in den Hörsälen und politischen Debattierklubs zu finden.

Die Karriere des Sportsmanns Chataway verlief strahlend wie ein Komet, wenn sie auch von Mißgeschick hin und wieder verdunkelt wurde. Die Laufbahn des Politikers Chataway hatte den gleichen Glanz. Rückschläge sind hier bis jetzt ausgeblieben.

"Weil es uns Spaß macht"

Zatopeks Ruhm blendete alle

Es war 1952 beim 5000-m-Endlauf im Olympiastadion in Helsinki. Ein Läuferpulk bog fast auf gleicher Höhe in die Zielgerade ein, Zatopek mit verzerrtem Gesicht, Mimoun, der Nordafrikaner, der Deutsche Schade und Chris Chataway. Die vier setzen fast gleichzeitig zum Spurt an, und keiner der 60 000 Zuschauer vermochte in diesem Augenblick zu sagen, wer wohl gewinnen würde. Der Engländer scheint noch besonders frisch zu sein, aber da tritt er auf die innere Bahneinfassung und stürzt. Der Olympiatraum ist vorbei. Ich frage ihn nun: "Hätten Sie damals noch gesiegt?" "Nein, ich glaube, ich wäre Dritter geworden", war die Antwort. Damals in Helsinki gab es aber viele, die meinten, daß Chris Chataway noch eine wesentlich eindrucksvollere Rolle gespielt hätte.

Zwei Jahre später, 1954 in Bern. Europameisterschaften über 5000 Meter. Weit vor dem Feld rennt ein unbekannter russischer Läufer wie um sein Leben, 150 Meter dahinter ein Zweigespann: Zatopek und Chataway. Alles wartet darauf, daß der Russe endlich ein Opfer seines wahnwitzigen Tempos wird und aufgibt. Auch Zatopek und Chataway warten. Als aber die letzte Runde eingeläutet wird, hält der Russe sein fürchterliches Tempo immer noch durch. Erst jetzt erkennt Chataway die tödliche Gefahr, setzt sich von Zatopek ab und macht sich an die Verfolgung. Aber es ist zu spät, der Vorsprung ist zu groß, und so wird der einstige Matrose Kuz aus Leningrad Europameister.

Aber am 13. Oktober des gleichen Jahres kommt die große Stunde des Christopher Chataway im White-City-Stadium beim Städtekampf London-Moskau. Kuz, der in Melbourne noch zwei Goldmedaillen gewinnen sollte, läuft bereits im Durchgang des 5000-m-Laufes Weltrekord über zwei englische Meilen (= 3216 m) und scheint einem sicheren Sieg zuzustreben. Doch auf der Zielgeraden kämpft sich Chataway an ihn heran, geht vorbei und siegt mit 1 1/2 Yards Vorsprung in der neuen Weltrekordzeit von 13 : 51,6 min.

"Das war wohl Ihr größter Sieg?" frage ich ihn. Chataway nickt und kneift lächelnd ein Auge zusammen. "Und damals in Bern?" "Niemand wußte etwas von Kuz, alle, auch ich, waren noch geblendet vom Ruhm des großen Zatopek, dessen Stern aber schon im sinken war. So kam es zu meiner falschen Taktik." "Sie trainierten doch sicher schon im Intervallsystem. Welche Teilstrecken liefen Sie und in welchem Tempo?" "200 m, 400 m und 800 m – die 200-m-Teilstrecke in 28 Sekunden", war die Antwort. Das war eigentlich zu schnell für einen Langstreckler. Tatsächlich lief Chataway auch die Meile unter vier Minuten, nachdem er zu Beginn seiner Laufbahn in Kanada bei den Empire-Games sich als "Führpferd" für seinen Freund Bannister geopfert hatte, der ja als erster die von den Journalisten erfundene Traummeile erreichte. 1956 in Melbourne war Chataway, der auch den Zwei-Meilen-Weltrekord nochmals verbesserte, in den beiden Langstrecken aber schon nicht mehr unter den ersten sechs! Er hörte mit dem Laufen auf, war zunächst Angestellter einer Brauerei und ging dann als Ansager und Kommentator zum Fernsehen. Während dieser Zeit trat er auch einmal als Schauspieler in einem Oscar-Wilde-Stück in einem Londoner Liebhabertheater auf. Beim Television lernte er seine Frau kennen, die beliebte und charmante Ansagerin Anna Lett. Scheinbar so nebenbei, zog er, noch nicht 30 Jahre alt, auch ins Unterhaus ein und nahm seinen Sitz auf den hinteren Bänken der Konservativen ein.

Alles könnte darauf hindeuten, daß Chris Chataway ein Mensch sein müsse, der dem Drang, sich theatralisch zu produzieren, nicht widerstehen kann – sei es in der Arena, im Fernsehstudio, auf der Bühne oder im Parlament. Aber davon kann keine Rede sein. Er wirkt gar nicht eitel, eher bescheiden, aber doch beherrscht und selbstsicher. Er wartet die Fragen ab, reißt nie das Gespräch an sich und spricht kein Wort zuviel. Solange wir über Sport plaudern, ist er ganz ungezwungen. Aber diese Episode scheint doch für ihn abgeschlossen zu sein. Wird die Politik berührt, spürt man, daß er formuliert, seine Sätze sind einfach, klar und ohne Phrase. Nach einer halben Stunde weiß man, warum dieser junge Mann auf einem Regierungssessel sitzt. Nicht weil er populär ist, sondern weil er ein befähigter Politiker ist, wobei es nur als Vorteil angesehen wird, daß er Publizität besitzt und sich auf sie versteht. Chataway ist kein parlamentarischer Staatssekretär für Sport, wie Monsieur Herzog in Frankreich etwa, sondern er vertritt den Erziehungsminister, auch im Parlament, bei Anfragen, und sein besonderer Aufgabenbereich sind die Hilfsschulen und die Schulen für Taubstumme und Blinde.

Als ich wissen möchte, wie er nun auf seinem Posten auch für den Sport wirke, ob er zum Beispiel bestimmte Pläne habe, kommt die Antwort: "Nein, einen ‚Goldenen Plan‘, wie in der Bundesrepublik, gibt es bei uns nicht." Ob Bestrebungen existierten, den Sport zu einer eigenen Disziplin der Wissenschaften zu machen, frage ich weiter. In Deutschland sei jetzt an einer großen Universität versucht worden, ein Ordinariat für Leibeserziehung einzurichten, was freilich am Widerstand der philosophischen Fakultät zunächst gescheitert sei.

"Weil es uns Spaß macht"

"Nein, einen solchen Weg wollen wir nicht einschlagen. Wir glauben, daß der Sport in den bestehenden Wisssenszweigen an den Universitäten erforscht werden kann. So hat zum Beispiel Dr. Bannister vor einiger Zeit sehr interessante Untersuchungen in Aden am Roten Meer über Hitzebelastung und Sport angestellt. Aber selbst ein eigenes Fach "Sportmedizin", wie es im Osten besteht und sich offenbar auch bei Ihnen entwickelt, wird hier nicht angestrebt."

Idee oder Spaß?

Der Unterschied von englischer und deutscher Sportauffassung wird klar. In England bleibt der Sport, der praktisch keine Gegner hat, immer Nebensache, wenn auch vielleicht die wichtigste aller Nebensachen. Niemand versucht, wie in Deutschland, ihn zur Hauptsache zu machen. Niemand versucht ihn aber auch zu systematisieren und zu vergeistigen. Es ist kein Wunder, daß Carl Diem, der in Indien und Japan begeisterte Adepten besitzt, in England nie verstanden wurde.

Fragt man die englischen Sportler, warum sie Sport treiben, so bekommt man gewöhnlich die Antwort: "Weil es uns Spaß macht." Von einer schönen Idee, für die es sich lohne, ein Leben lang zu wirken, wird man auf den britischen Inseln nichts hören. Der Sport wird nicht idealistisch überhöht, sondern pragmatisch betrieben.

Auch das Schicksal der Olympischen Spiele wird unter solcher Sicht viel optimistischer betrachtet als bei uns. Chataway meint, daß der Olympiade auch in Zukunft durch die Kommerzialisierung des Sports keine ernste Gefahr drohe. Die ganze Entwicklung sei doch natürlich. Die heutige Vollkommenheit im Sport verlange als Preis ein solches Maß an Zeit für das Training, daß es bei manchen Spitzensportlern ohne einen gewissen finanziellen Ausgleich einfach nicht mehr gehe.

Die reinen Berufssportler allerdings müsse man ausschließen. Als ich einwerfe, daß solche recht vernünftigen Auffassungen den alten Herren im Internationalen Olympischen Komitee aber recht ketzerisch in den Ohren klingen würden, nickte Chataway zustimmend.

Wir sprechen noch über Universität und Politik. In der Bundesrepublik bemerke ich, wo trotz allem Skeptizimus der Jugend doch noch das idealistische Extrem triumphiert, werde die Politik von den meisten Studenten immer noch als ein schmutziges Geschäft abgelehnt. Und wenn die Studenten politisch Stellung beziehen, dann nur selten in abgewogener und kompromißbereiter Weise. In England, meint der Staatssekretär, sei die politische Aktivität an den Universitäten immer sehr stark gewesen. Aber auch hier würden im Augenblick die Anhänger der EWG oder jene, die gegen die Bombe protestierten, sehr verschiedene Strömungen englischer Politik widerspiegeln.

"Weil es uns Spaß macht"

Als ich mich verabschiede, sagt mir Chataway noch, daß er für den Herbst einen Deutschlandbesuch plante, dessen Programm allerdings noch nicht feststände. Ob es dazu kommt, wird wohl nicht zuletzt von seinem zurückgetretenen Kollegen, dem Heeresminister, abhängen, dessen falsche Aussage vor dem Parlament den Bestand der Regierung gefährdete. Ihr Sturz wäre das erste Mißgeschick des Politikers Chataway gewesen.

Aber der Politiker Chataway, das kann man vorhersagen, dürfte sich genau wie der Läufer Chataway durch einen einzigen Sturz nicht endgültig aus der Bahn werfen lassen. A. Metzner