Zatopeks Ruhm blendete alle

Es war 1952 beim 5000-m-Endlauf im Olympiastadion in Helsinki. Ein Läuferpulk bog fast auf gleicher Höhe in die Zielgerade ein, Zatopek mit verzerrtem Gesicht, Mimoun, der Nordafrikaner, der Deutsche Schade und Chris Chataway. Die vier setzen fast gleichzeitig zum Spurt an, und keiner der 60 000 Zuschauer vermochte in diesem Augenblick zu sagen, wer wohl gewinnen würde. Der Engländer scheint noch besonders frisch zu sein, aber da tritt er auf die innere Bahneinfassung und stürzt. Der Olympiatraum ist vorbei. Ich frage ihn nun: "Hätten Sie damals noch gesiegt?" "Nein, ich glaube, ich wäre Dritter geworden", war die Antwort. Damals in Helsinki gab es aber viele, die meinten, daß Chris Chataway noch eine wesentlich eindrucksvollere Rolle gespielt hätte.

Zwei Jahre später, 1954 in Bern. Europameisterschaften über 5000 Meter. Weit vor dem Feld rennt ein unbekannter russischer Läufer wie um sein Leben, 150 Meter dahinter ein Zweigespann: Zatopek und Chataway. Alles wartet darauf, daß der Russe endlich ein Opfer seines wahnwitzigen Tempos wird und aufgibt. Auch Zatopek und Chataway warten. Als aber die letzte Runde eingeläutet wird, hält der Russe sein fürchterliches Tempo immer noch durch. Erst jetzt erkennt Chataway die tödliche Gefahr, setzt sich von Zatopek ab und macht sich an die Verfolgung. Aber es ist zu spät, der Vorsprung ist zu groß, und so wird der einstige Matrose Kuz aus Leningrad Europameister.

Aber am 13. Oktober des gleichen Jahres kommt die große Stunde des Christopher Chataway im White-City-Stadium beim Städtekampf London-Moskau. Kuz, der in Melbourne noch zwei Goldmedaillen gewinnen sollte, läuft bereits im Durchgang des 5000-m-Laufes Weltrekord über zwei englische Meilen (= 3216 m) und scheint einem sicheren Sieg zuzustreben. Doch auf der Zielgeraden kämpft sich Chataway an ihn heran, geht vorbei und siegt mit 1 1/2 Yards Vorsprung in der neuen Weltrekordzeit von 13 : 51,6 min.

"Das war wohl Ihr größter Sieg?" frage ich ihn. Chataway nickt und kneift lächelnd ein Auge zusammen. "Und damals in Bern?" "Niemand wußte etwas von Kuz, alle, auch ich, waren noch geblendet vom Ruhm des großen Zatopek, dessen Stern aber schon im sinken war. So kam es zu meiner falschen Taktik." "Sie trainierten doch sicher schon im Intervallsystem. Welche Teilstrecken liefen Sie und in welchem Tempo?" "200 m, 400 m und 800 m – die 200-m-Teilstrecke in 28 Sekunden", war die Antwort. Das war eigentlich zu schnell für einen Langstreckler. Tatsächlich lief Chataway auch die Meile unter vier Minuten, nachdem er zu Beginn seiner Laufbahn in Kanada bei den Empire-Games sich als "Führpferd" für seinen Freund Bannister geopfert hatte, der ja als erster die von den Journalisten erfundene Traummeile erreichte. 1956 in Melbourne war Chataway, der auch den Zwei-Meilen-Weltrekord nochmals verbesserte, in den beiden Langstrecken aber schon nicht mehr unter den ersten sechs! Er hörte mit dem Laufen auf, war zunächst Angestellter einer Brauerei und ging dann als Ansager und Kommentator zum Fernsehen. Während dieser Zeit trat er auch einmal als Schauspieler in einem Oscar-Wilde-Stück in einem Londoner Liebhabertheater auf. Beim Television lernte er seine Frau kennen, die beliebte und charmante Ansagerin Anna Lett. Scheinbar so nebenbei, zog er, noch nicht 30 Jahre alt, auch ins Unterhaus ein und nahm seinen Sitz auf den hinteren Bänken der Konservativen ein.

Alles könnte darauf hindeuten, daß Chris Chataway ein Mensch sein müsse, der dem Drang, sich theatralisch zu produzieren, nicht widerstehen kann – sei es in der Arena, im Fernsehstudio, auf der Bühne oder im Parlament. Aber davon kann keine Rede sein. Er wirkt gar nicht eitel, eher bescheiden, aber doch beherrscht und selbstsicher. Er wartet die Fragen ab, reißt nie das Gespräch an sich und spricht kein Wort zuviel. Solange wir über Sport plaudern, ist er ganz ungezwungen. Aber diese Episode scheint doch für ihn abgeschlossen zu sein. Wird die Politik berührt, spürt man, daß er formuliert, seine Sätze sind einfach, klar und ohne Phrase. Nach einer halben Stunde weiß man, warum dieser junge Mann auf einem Regierungssessel sitzt. Nicht weil er populär ist, sondern weil er ein befähigter Politiker ist, wobei es nur als Vorteil angesehen wird, daß er Publizität besitzt und sich auf sie versteht. Chataway ist kein parlamentarischer Staatssekretär für Sport, wie Monsieur Herzog in Frankreich etwa, sondern er vertritt den Erziehungsminister, auch im Parlament, bei Anfragen, und sein besonderer Aufgabenbereich sind die Hilfsschulen und die Schulen für Taubstumme und Blinde.

Als ich wissen möchte, wie er nun auf seinem Posten auch für den Sport wirke, ob er zum Beispiel bestimmte Pläne habe, kommt die Antwort: "Nein, einen ‚Goldenen Plan‘, wie in der Bundesrepublik, gibt es bei uns nicht." Ob Bestrebungen existierten, den Sport zu einer eigenen Disziplin der Wissenschaften zu machen, frage ich weiter. In Deutschland sei jetzt an einer großen Universität versucht worden, ein Ordinariat für Leibeserziehung einzurichten, was freilich am Widerstand der philosophischen Fakultät zunächst gescheitert sei.