Von Theodor Eschenburg

Als Papst Pius XII. im Oktober 1958 starb, hat Professor Eschenburg für die ZEIT eine eindrucksvolle Analyse des Verfahrens geschrieben, mit dem die katholische Kirche seit Jahrhunderten ihr Oberhaupt wählt. Am Mittwoch ist in Rom abermals das Kardinalskollegium zusammengetreten, um nach dem Tode des Papstes Johannes XXIII. einen Nachfolger für den Thron Petri zu bestimmen. Aus diesem Anlaß hat Professor Eschenburg seine Analyse des kirchlichen Wahlverfahrens auf den jüngsten Stand gebracht. Sie macht deutlich, daß es nirgendwo eine so durchdachte und institutionell gefestigte Wahlordnung gibt.

Von allen heute gültigen Wahlverfahren ist das der Papstwahl das älteste. Seit 1058, also seit 900 Jahren, haben die Kardinäle – abgesehen von wenigen Ausnahmen – den Papst gewählt. Bis dahin war die Wahl im Wege der Akklamation durch den Klerus und das Volk von Rom erfolgt, was praktisch bedeutete, daß die römische Laienaristokratie oder die deutschen Kaiser als Vorschlagende und Machthaber den entscheidenden Einfluß ausübten.

Wohl hatten päpstliche Dekrete die allein Wahlberechtigten bestimmt, aber das Wahlverfahren im einzelnen war noch nicht geregelt, vor allem nicht, welche Mehrheitsart eine gültige Wahl herbeizuführen vermöchte. Die Kirchenjuristen hatten seit langem die Theorie entwickelt, daß die Majorität nicht nur von der Quantität, sondern auch von der Qualität der abgegebenen Stimmen abhänge. Man sprach von "major et sanior pars", dem größeren und zugleich gesünderen Teil, der entscheidungsbefugt sein solle. Die Quantität kann man durch das Zählen der Stimmen messen, nicht aber die Qualität. Sie festzustellen, ist eine Ermessensfrage.

Die Minderheit durfte eine Abtwahl oder Bischofswahl bei einem Übergeordneten anfechten, der dann die Bestätigung erteilen oder versagen konnte und damit der eigentlich Entscheidende war. Dieses Recht beanspruchten bei der Papstwahl die deutschen Kaiser für sich. Die Päpste aber wollten einen Richter über sich nicht dulden. Die Kirchenjuristen fanden die Lösung darin, daß ein sehr bedeutendes, von den meisten auf eine Zweidrittelmehrheit festgelegtes Übergewicht der Zahl ausreiche, weil man wohl annehmen könne, daß in einer solchen Majorität die "sanior pars" enthalten sei.

Als 1159 Alexander III. von der antikaiserlichen Majorität der Kardinäle zum Papst gewählt war, erkannte Friedrich Barbarossa diesen als Papst nicht an, sondern den von der prokaiserlich eingestellten Minderheit gewählten Kardinal. Nachdem sich Alexander III. politisch gegenüber Barbarossa durchgesetzt hatte, schrieb er 1179 die Zweidrittelmehrheit für die Papstwahl vor.

Nun läßt sich eine Zweidrittelmehrheit nicht erzwingen. Es ist denkbar, daß unzählige Wahlgänge erfolgen, ohne daß sie erreicht wird. Um eine Verzögerung der Wahl zu vermeiden, aber auch um die Wähler von weltlichem Einfluß abzuschließen, wurde 1241 zum erstenmal im Konklave gewählt. Die Kardinäle mußten die Wahl in von der Außenwelt abgeschlossenen Räumen vornehmen, – bei Gefängniskost und primitiven Unterkunftsverhältnissen. Auf diese Weise wurden sie zur beschleunigten Entscheidung gedrängt, denn sie durften das Konklave erst nach geglückter Wahl verlassen.