Von F. J. Weale

Der Kapitalstrom aus den Vereinigten Staaten nach Europa ist in den letzten Monaten Gegenstand von Debatten auf amerikanischer wie europäischer Seite geworden. Während die Regierungsstellen in Washington früher die Schaffung von Tochtergesellschaften der USA-Industrie im Ausland als eine Erweiterung nicht nur des wirtschaftlichen, sondern auch des politischen Einflusses angesehen und unterstützt hatten, sind seit der Dollar-Unsicherheit Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Staatsdepartement und den anderen Finanz- und Wirtschaftsministerien sowie dem Federal Reserve Board aufgetreten.

Im Staatsdepartement hält man daran fest, daß das USA-Prestige durch langfristige Verankerung privaten Kapitals in der ausländischen Industrie gehoben werde. Im Schatzamt, und unter den Gouverneuren des Federal Reserve Board sind die Ansichten so geteilt, daß sie bisher nicht auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden konnten. In diesen Kreisen überwiegt die Sorge um den Dollar die Freude am Prestige. Wenn es bisher noch nicht zu einer offiziellen und formellen Bremsung des Kapitalflusses nach europäischen Industrieländern (Südamerika sowie Asien gehören als Entwicklungsländer unter eine andere Kategorie) gekommen ist, so liegt der Grund in den Zweifeln, welche Mittel hierfür zur Anwendung kommen sollen. George Mitchell‚ einer der sieben Gouverneure des F. R. B. und der einzige, der von Kennedy ernannt worden ist, tritt für eine Sondersteuer auf alle Kapitalexporte nach Europa ein; er will die Aufnahme europäischer Anleihen auf dem billigen amerikanischen Kapitalmarkt verhindern und scheut vor der Einführung einer Devisenkontrolle zu diesen Zwecken nicht zurück. Das Schatzamt sprach sich gegen direkte oder indirekte Maßnahmen gegen die internationale und damit auch amerikanische Kapitalbewegung aus, weil sie zu einer beschleunigten Abwanderung von USA-Mitteln ins Ausland führen würden. Es könnte zu einer Flucht aus dem Dollar kommen.

Manche amerikanischen Gesellschaften sahen sich in Folge der "Warnungen" bereits seit Beginn 1962 zu einer Reserve gegenüber neuen Investitionen veranlaßt, so daß gegenüber einer Zunahme privater langfristiger Beteiligungen im Ausland von 1,4 Mrd. Dollar im Jahre 1961 für 1962 ein Wachstum von nur 600 Mill. Dollar amtlich geschätzt wird. Daß der Gedanke der Kontrolle Fuß gefaßt hat, beweist die Durchführung einer Erhebung über alle Auslandsinteressen amerikanischer Steuerträger, die in diesen Tagen zu Ende geführt wurde. Wer 5 % oder mehr des Kapitals einer ausländischen Gesellschaft kontrolliert oder besitzt, hat diesen Besitz – zum erstenmal – anzumelden. Damit sollen die Unterlagen für spätere Kontrollen von USA-Finanz- und Industriekapital im Ausland, hauptsächlich mit dem Blick auf Europa, geschaffen werden.

Was hat das amerikanische Finanz- und Industriekapital zu dieser Wanderung nach Europa bewogen?

Hierfür können mehrere Gründe angeführt werden. Zunächst war es die Überfütterung des südamerikanischen Subkontinents und Kanadas mit Neuinvestitionen; diese Periode hielt für Südamerika bis 1958 an, als dort die Anzeichen einer antiamerikanischen Stimmung (Bolivien, Chile, später auch in Mittelamerika) auftraten. Gleichzeitig kam es aber auch zu den verstärkten Symptomen einer Überinvestierung im eigenen Lande. Es entstanden Überkapazitäten, denen nicht mehr genügende Absatzmöglichkeiten gegenüberstanden. Es folgte eine Überproduktion, die zur Ausfuhr drängte, aber auf Zollbarrieren stieß. So begann der Kapitalstrom nach Europa; erst nach Großbritannien, dann in die noch rascher wachsende EWG, zunächst nach Frankreich und dann in die Bundesrepublik und Italien.

Ab 1959/1960 mischten sich in die Gründe für solche Beteiligungen auch Währungserwägungen. In geringerem Maßstabe trifft dies für jene großen Gesellschaften zu, die bereits vor dem letzten Kriege in europäischen Ländern Niederlassungen besaßen (General Motors, Ford, die großen Ölkonzerne, General Electric, International Business Machines, Int. Telephone & Telegraph und andere). Aber auch der Wunsch, neue, gewinnbringende Absatzmärkte zu erschließen, ist für die Gründung von Filialen in Europa gültig.