Von Rudolf H. Schlesinger

New York, Ende Juni

In der vergangenen Woche ist zwischen den amerikanischen Stahlkonzernen und der amerikanischen Stahlarbeitergewerkschaft ein Arbeitsvertrag abgeschlossen worden, der mit erstaunlicher Einmütigkeit in allen Lagern als staatsmännischer Akt ersten Ranges gepriesen wird. Von höchster Bedeutung ist das in der Geschichte der Arbeitsvertragsverhandlungen des wichtigsten amerikanischen Industriezweiges seit einer Reihe von Jahren nicht mehr erlebte Ereignis, daß mit dem neuen Kontrakt in der Stahlindustrie der Arbeitsfriede für die Dauer von zwei Jahren gesichert ist. Der Vertrag läuft bis zum 1. Januar 1965, woran sich weitere vier Monate zur Aufnahme neuer Verhandlungen anschließen. Ein Streik könnte also allerfrühestens am 1. Mai 1965 in Szene gesetzt werden.

Damit entfällt das alljährliche Jagen der verschiedensten Industriezweige nach ausreichender Versorgung mit Stahlprodukten aus Angst vor einem Streik, das im ersten Halbjahr des vorigen und des laufenden Jahres so große Unruhe in die amerikanische Wirtschaft getragen hat. Das neue Abkommen in der amerikanischen Stahlindustrie wird der gesamten Wirtschaft des Landes ein hohes Maß an Stabilität geben.

Das zweite bedeutsame Faktum besteht in der Tatsache, daß der neue Vertrag die Stahlindustrie verhältnismäßig wenig kosten wird. Nach den bisherigen Berechnungen werden die jährlichen Kosten des neuen Kontraktes nur ungefähr acht Cent pro Arbeitsstunde betragen. Dies wäre die geringste jährliche Erhöhung seit dem Jahre 1944! Selbst der im Jahre 1962 abgeschlossene Arbeitsvertrag, dessen Kosten bereits als niedrig gepriesen wurden, brachte eine Steigerung um elf Cent pro Arbeitsstunde.

Der neue Arbeitsvertrag, dessen Einzelheiten in den nächsten Tagen noch individuell mit den einzelnen Stahlgesellschaften auszuhandeln sind, sieht überhaupt keine Lohnerhöhungen vor. Die bedeutsamste Verbesserung für die Stahlarbeiter ist die stark ausgebaute Urlaubsregelung für Arbeitnehmer mit längerer Dienstzeit. Die älteren Stahlarbeiter mit einer bestimmten Zahl von Dienstjahren, die bei den einzelnen Stahlgesellschaften verschieden sein wird, werden alle fünf Jahre 13 Wochen Ferien erhalten. Diese neue Urlaubsregelung wird ungefähr die Hälfte der Belegschaften der einzelnen Stahlkonzerne erfassen. Man rechnet damit, daß dadurch mindestens 20 000 zusätzliche Arbeitsstellen in der Stahlindustrie geschaffen werden. Damit ist ein alter Traum des Stahlarbeiterführers McDonald in Erfüllung gegangen, der seit sieben Jahren auch. von seinen Tarifpartnern konstruktive Maßnahmen zur Milderung der Arbeitslosigkeit forderte.

Eine andere wichtige Konzession, die der Gewerkschaft von der Stahlindustrie gewährt wurde, ist die Verbesserung der Versicherungsleistungen, die am 1. August in Kraft treten soll. Während die Höchstdauer der Vergütungen für einen Krankenhausaufenthalt gegenwärtig vier Monate beträgt, wird sie sich in Zukunft auf alle 365 Tage des Jahres erstrecken, wenn ein so langer Krankenhausaufenthalt erforderlich ist. Die wöchentlichen Vergütungen der Stahlgesellschaften für Krankheit und Unfälle werden um 10 Dollar wöchentlich auf 78 Dollar erhöht. Der Grundbetrag der Lebensversicherung wird um 500 Dollar auf 7000 Dollar heraufgesetzt.