Buh-Rufe für den Intendanten Barlog

Es ist eben doch von Nachteil, daß die Theaterkritiker nie auf der Galerie sitzen, dem Oberrang. Sie sitzen immer vorn im Parkett.

Gut, sollen sie ruhig da vorn sitzen, schließlich haben sie das bittere Los, das, was unsereiner sich schlicht und ungeformt zu Stück und Inszenierung denkt, in wohlgesetzter, begründeter Rede den Zeitungen schwarz auf weiß präsentieren zu müssen. Gut also, aber es kann gestehen, daß beim konzentrierten Blick auf die Demonstration des Stückes die Demonstrationen auf der Galerie völlig unverständlich bleiben.

Da hatte das Berliner Schiller-Theater im 7. Juni Premiere: "Die Wupper" von Else Lasker-Schüler; und da hat’s im Oberrang gebuht, laut hat’s gebuht, ausdauernd und erbittert. Alle Berliner Zeitungen sprachen von einem Skandal. Friedrich Luft nannte das Gebuhe unfair gegen die Inszenierung und töricht, sofern es der Dichterin gegolten habe. Die ZEIT zitierte nach der Berliner Morgenpost "Buh-Rufe und Pfiffe im Parkett" (aber sie kamen gar nicht aus dem Parkett, das ist es ja gerade) und rechnet Buh-Rufer offenbar zu den ewig Antiquierten, die meinen, sich auch heute noch über ein solches Stück empören zu müssen.

So war es indessen nicht. Der Oberrang, nicht das mittelmatt applaudierende Parkett, buhte für sein Recht auf Meinungsäußerung und gegen den Intendanten Barlog. Doch dazu kurz die ganze Geschichte von vorn. Es war nämlich so: Man stieg festlich gestimmt Und glücklich über die frühzeitig ergatterte billige Karte die Treppen zum Oberrang des Schiller-Theaters hinauf, nichts weniger als bösartig oder finster. Da lenkte ein Anschlag auf dem letzten Treppenabsatz und nur da, wie man später feststellen konnte, den Blick auf sich und verkündete mit schöner Schiller-Theater-Dezenz in lichtgrauer Kursivschrift den Galeriebesuchern unter der Überschrift "Wichtige Bitte an unsere Premierengäste" etwa folgendes: In der letzten Zeit hätten die Mißfallenskundgebungen im Theater unerträgliche Formen angenommen. Buh-Rufe seien etwas für den Fußballplatz, aber nicht für ein Haus, das dem Geiste Goethes und Molières gewidmet sei. Wer also beim Buh-Rufen fürderhin angetroffen werde, könne mit Hausverbot belegt werden. Unterschrieben: Die Intendanz. ("Denunzianten erhalten Freikarten" stand in aufgeklebter Maschinenschrift ebenso dezent darunter.)

Wenn das kein Anschlag war! Das hochgestimmte Premierenpublikum geriet langsam in Zorn.

Was ist denn das für ein Theater, das nicht mehr die Meinung des Publikums hören will? Fängt hier nicht die Entwicklung an, die geradewegs auf die völlig vom Staat subventionierte Bühne zusteuert, welche dann nichts mehr zu tun hat, als technisch "gut zu funktionieren", und welcher der Staat dann schon aus eigenem Interesse das dazugehörige willige Publikum stellt? Dann wäre allerdings alles bestens geregelt, keine Buh-Rufe mehr, kein noch so geringes Risiko: Kulturproduzent und Kulturkonsument tauschten die Ware Kultur in Festkleidung aus.

Wo bliebe da das Theater? Das Theater als Spektakulum, als Schaustellung also, nicht nur des Stückes, sondern der in jeder Sichtbarmachung des dichterischen Wortes liegenden eigenen, oft eigenwilligen Interpretation, die sich dem Publikum zur Diskussion stellt, Zustimmung erhofft, Ablehnung befürchtet? Nun möchte Barlog ein ganz zahmes Publikum. Ach, es ist schon lange viel zu zahm! Wird die Bühne nicht mittelmäßig, wenn der Stachel des kritischen Publikums fehlt? Hingegen ist es durchaus denkbar, daß ein lebendiges Publikum sich durch wie auch immer geartete Mitarbeit ein gutes Theater erkämpft.

Buh-Rufe für den Intendanten Barlog

Ein Theater ohne Publikum dieser Art ist kein Theater.

Wie sollte sich die Galerie gegen einen solchen Anschlag wehren? Zage Buh-Rufe mischten sich am Schluß in den lauten Beifall des Oberranges für Schauspieler, Inszenierung und für Else Lasker-Schüler. Doch als der Intendant Barlog erschien, brach er los, der laute Protest gegen den Versuch, das Publikum zu entmündigen.

Das war es, was alle Welt nun einen Skandal nennt. Ein Skandal wäre es gewesen, hätte man nicht gebuht. Christel Moos