Von Reinhard Baumgart

Niemand, fürchte ich, geht ganz ohne Unbehagen an Geschichten, die ihn nach Auschwitz oder Dachau führen wollen. Doch dieses Unbehagen ist keineswegs eindeutig. Oft verrät es durch seinen schiefen Blick nur, daß da jemand verdrängen möchte, koste es, was es wolle, daß man auf seine moralische Bequemlichkeit pocht, auch im Rücken von millionenfachem Mord. Zugleich gibt es ein anderes Unbehagen, und das richtet sich gegen jeden Versuch, das Ungeheure, das damals geschehen ist, schöngeistig geheuer zu machen. Die handlich gewordenen obligaten Mittel der Literatur – Tragik etwa, Einfühlung, Satire –, sind sie Auschwitz gewachsen? Oder üben sie nicht nur flotten sentimentalen Betrug?

Dieses Unbehagen ist im Recht, doch es sollte aufhören vor dem Buch, von dem ich hier reden möchte, den Erzählungen des Nicht alle sprechen von Auschwitz, aber Auschwitz, die Erfahrung des Lagers, spricht aus ihnen allen.

Borowski, geboren in der Ukraine, aufgewachsenen Polen, ist selbst durch die Lager hindurchgegangen, damals erst Anfang zwanzig. Gleich nach dem Krieg hat er dann die meisten seiner Geschichten aufgezeichnet. Sie alle sehen also das eben Erlebte aus einer Nähe, die dem Erzähler gewöhnlich nur die Sprache verschlägt. Doch Borowski war viel Zeit nicht mehr gegeben, denn auch mit dem neuen System in Polen kam er zu keinem Frieden, und schon 1951, noch nicht neunundzwanzig Jahre alt, beendete er sein Leben durch Selbstmord.

Ein kurzes Leben, von jähen Einschnitten zerrissen, einem unerhörten geschichtlichen Druck ausgesetzt. Denn Borowski, zuerst Lyriker, war für extreme Erfahrungen durchaus nicht geboren.

Gleich seine erste Geschichte, aus dem Warschau während des Krieges, zeigt noch, aus welchen schwärmerischen, gläubigen Stimmungen er aufwachte. Schon in diese sanft verwildernde Idylle, wo man sich um Liebe, Poesie und schwarzen Markt sehr widersprüchliche Sorgen macht, schon in sie weht aus dem nahen Getto der erste scharfe Luftzug von Entsetzen. Später, in den Geschichten aus Harmence, Birkenau und Auschwitz, verbraucht sich selbst dieses Entsetzen durch täglichen Umgang.

Doch viele Autoren außer Borowski sind durch die Lager gegangen, viele haben, notdürftig, guten Willens, ihre Erfahrungen zu Papier gebracht, und auf den ersten Blick will nicht einleuchten, warum gerade Borowskis Geschichten alles Übliche hinter sich zurücklassen, so sorglos, so von ungefähr und verhältnismäßig roh tragen sie sich vor. Der Autor, so scheint es zunächst, ist eher zerstreut als planvoll. Er nennt einfach, was er sieht, die Todeszüge etwa und neben ihnen das Fußballspiel der begünstigten Häftlinge. Er schweift gern ab, wie Eingeweihte oft tun, wenn sie vor bedauernswerten Laien sprechen. Er hat den kalten, tatsächlichen Jargon des Lagers angenommen, der alles Unerträgliche einfach nivelliert und auch Tod oder Folter auf das Niveau des Lagerklatsches bringt. Selten aber sehen wir Borowski bemüht, eine Fabel zu formulieren, einen sogenannten Charakter auszuarbeiten oder auch nur für einen geordneten, zweckmäßigen Ablauf seiner Szenen zu sorgen.