G. Z., Frankfurt

In diesen Tagen zogen zwei Beamte der Hanauer Landpolizei aus, einen gewöhnlichen Gelddiebstahl aufzuklären. In der kleinen, stillen Stadt Windecken "besuchten" sie eine junge Frau, über der sich dunkle Wolken des Verdachts zusammengezogen hatten. Wenige Stunden später hatten sie einen kompletten Diebesring ausgehoben. Und was dann folgte, ist ein Stück Zeitgeschichte...

In einer Windecker Textilfabrik saßen einige Dutzend Frauen Tag für Tag an ihren Maschinen, strickten brav Pullover und Jacken. Kurz vor Feierabend jedoch wurden einige von ihnen stets von einer merkwürdigen Unruhe erfaßt: Mit unwiderstehlicher Macht drängte es sie zu den Toiletten. Der Drang war so stark, daß sie selbst in den "Herren" vorbehaltenen Kabinen Zuflucht suchten!

Daß es sich hierbei nicht um ein medizinisches Kuriosum handelte, sondern daß ein Team von Diebinnen am Werk war, entdeckten jene beiden Polizeibeamten, die eigentlich etwas ganz anderes aufspüren wollten. Beim dienstlichen Blick in den Kleiderschrank der jungen Frau, die in den Verdacht geraten war, gestohlenes Geld bei sich zu verbergen, fiel ihnen der Reichtum an Pullovern und Strickjacken auf. Sinnend betrachteten sie den riesigen Vorrat nagelneuer Strickwaren und dachten an den modischen Textilbestand ihrer eigenen Frauen.

Ehe sie sich nun auf die Suche nach den "überzähligen" Geldscheinen machten, schien den Polizisten zunächst die Frage nach der Herkunft des Textilreichtums angebracht. Als die junge Frau erklärte, sie arbeite in der Windecker Strickwarenfabrik, waren sich die Rechercheure sicher, auf eine neue Spur gestoßen zu sein. Tatsächlich hatten sie auch umgehend ihr Geständnis: Die Sachen waren beim Arbeitgeber gestohlen worden. Vom Erfolg beflügelt, klopften sie in dieser Nacht noch an viele Türen in Windecken.

Mit dem Ergebnis ihres Fleißes konnten sie zufrieden sein: Über 1000 Stück "Wollwaren aller Art" stellten sie in den Wohnungen fleißiger Strickerinnen sicher; die Diebesware wurde dem Fabrikanten zurückgegeben. Nun aber beginnt erst die erstaunliche Geschichte: Die diebischen Elstern sitzen nämlich nach wie vor an ihren Strickmaschinen. Wenn auch reumütig und mit gesenkten Köpfen, so doch ungebrochen, weil ungekündigt, arbeiten sie auch heute noch in dem Betrieb, den sie so hemmungslos bestohlen haben. Nur das eine änderte sich: Der abendliche Toilettenandrang hat sich normalisiert.

Obwohl Waren im Werte von etwa 10 000 Mark unter den Röcken der diebischen Strickerinnen aus der Windecker Fabrik geschleppt wurden, hat der Fabrikant keine Strafanzeige wegen Diebstahls erstattet. Ihm war zwar schon geraume Zeit einiges nicht ganz geheuer; aber er konnte sich weder zu strengen Kontrollen noch zu eigenen Ermittlungen, geschweige denn zu einem Hilferuf an die Polizei entschließen. Er befürchtete, durch derart "unpopuläre Maßnahmen" seine mühsam zusammengeworbene Belegschaft der Konkurrenz in die Arme zu treiben. Wenn von 70 Belegschaftsmitgliedern elf vom Pfade der Tugend abwichen, so kann das einem Unternehmer schon Sorgen machen – bei der angespannten Arbeitsmarktlage.

Die Moral dieser Zeitgeschichte: In einem Lande mit Vollbeschäftigung wächst die Größe des Mantels der Nächstenliebe, mit dem "kleine Schwächen" der Arbeitnehmer zugedeckt werden, proportional zur Zahl der offenen Arbeitsstellen.