Paul VI., Pontifex Maximus: Im Geiste des Johannes, doch im Stil des Pius

Von Josef Müller-Marein

Accepto! – so lautete das erste Wort, das Montini in der neuen Würde des Papstes sagte. Es blieb kein Geheimnis, daß seine Stimme gelassen klang, als er diese traditionelle Antwort – Ich nehme an – auf die Frage des bärtigen, ritterhaften Kardinals Tisserant gab: "Acceptasne electionem...?" Dann beantwortete er die Frage nach dem Namen, den er wählen wolle: "Paul VI." Aber er fügte nicht, wie es die Regel ist, schon hier, in der Sixtinischen Kapelle, eine Erklärung hinzu. Er legte sich selber das Papstgewand an. Doch beim anschließenden frugalen Mahl im Saale des Borgia-Flügels nahm er nicht den Ehrenplatz ein, der ihm jetzt zustand, sondern setzte sich dort zu Tische, wo er vorher als Kardinal unter Kardinälen gespeist hatte. Danach mußte ihm niemand den Weg zu den päpstlichen Gemächern zeigen. Er kannte den Vatikan seit dreißig Jahren. Er ging voran.

Am anderen Tage bereits verblüffte er die Hofleute dadurch, daß er die Vatikan-Stadt verließ, um die erkrankten Kardinäle Josyf Slypyi aus Polen und Pia y Daniel aus Spanien zu besuchen. Sofort regten sich Spekulationen, ob dies einzig und allein eine Geste brüderlicher Zuneigung gewesen sei oder noch etwas mehr: Polen bleibt kirchenpolitisch ein schwieriges Feld; und ebenso gut weiß man, daß Franco jeden anderen lieber als Papst gesehen hätte als diesen Kardinal Montini, der einmal spontan Einspruch gegen das Willkürurteil über einen spanischen Studenten eingelegt hatte. Damals irrte Montini insoweit, als er nach den ersten, ungenauen Meldungen annahm, jener antifrancistische Student sei zum Tode verurteilt worden; er hatte jedoch "nur" eine Zuchthausstrafe von dreißig Jahren erhalten.

Es gab auch Spekulationen über die Wahl des Papstnamens. Montini kam ja aus Mailand, der Stadt des Heiligen Karl Borromäus, der vor 500 Jahren – worauf Johannes XXIII. einmal hinwies – das "Konzil von Trient durch sein persönliches Eingreifen zum Abschluß gebracht" hatte. Der damalige Konzilpapst hatte Paul III. geheißen. Man erinnerte sich auch des fünften Paul der den Petersdom vollendet, die Todesstrafe in Hexenprozessen abgeschaft aber auch die Leher des Galiläi verboten hatte. Jetzt, angesichts des Rätselratens, ließ der neue Papst keinen Zweifel daran, wen er als seinen Namenspatron betrachtete: den Völkerapostel Paul, der ausgezogen war, das Christentum in alle Welt zu tragen. Und am Peter-und-Paulstag wird Papst VI. gekrönt werden. Auch dies gilt dem Volke als ein Hinweis auf den Namen.

Sie wählten einen Neuerer

Während das römische Volk sich in dem alten Aberglauben bestätigt fühlt, daß auf einen Papst von körperlicher Robustheit stets ein desto schlankeren, zarterer folge, und auf einen, der ein "R" im Namen trägt (Roncalli) einer ohne "R" (Montini), sickern aus dem Kreise der Eingeweihten – wie immer dies möglich sein mag – einige interessante Einzelheiten über die Papstwahl durch. Da haben also viele nichtitalienische Kardinäle zunächst für den Belgier Suenens und den Österreicher König gestimmt. Dadurch gewann Montini an Bedeutung für alle italienischen Kardinäle; auch für jene, die ihn nicht hatten wählen wollen. Denn mochte er auch, wie Suenens und König, ein "Neuerer" sein, so ist er doch ein Italiener. Daher auch – so heißt es – die kurze Dauer des Konklave. Schließlich scheint Montini eine sehr hohe Zahl der Stimmen erhalten zu haben, wenn nicht sogar alle.