In welchem Jahrhundert leben wir? Das königliche Haus hat dem englischen Volke eine gemütsbewegende Mitteilung gemacht. Es kreißte der Palast und gebar eine Maus. Hört es, ihr Völker in England, Schottland und im Commonwealth von Indien bis Australien und Neuseeland: Prinz Charles hat einen Sherry zu sich genommen.

Der Sherry war alt; der Prinz war zu jung für den alten Sherry. Vierzehn Jahre, tüchtiger Schüler im Gordonstown-Internat, ein von Herzen guter Junge. Und nun dies! Er ging zur Theke, während drei seiner Schulkameraden brav abseits standen und der persönliche Detektiv im Kino saß, knallte die Münze auf die Bar, und seine Hand, sie zitterte nicht, als sie das Glas zum Munde führte. Ein Schluck – schon war der alkoholische Inhalt hinter der prinzlichen Binde. Hört es, ihr Völker! Der minderjährige Prinz muß bestraft werden. Vierzehn Jahre, blonde Haare und schon Spaß am Alkohol!

Unter uns: Wer hätte nicht in diesem Alter schon einmal "einen gekippt"? Wer wollte nicht mit vierzehn Jahren endlich wissen, warum die Erwachsenen so viel Wesens daraus machen, an der Theke zu stehen?

Als wir dies wissen wollten, erzitterte kein Palast. Erstens, weil wir keine Prinzen waren, zweitens, weil es nicht nach Profumo roch! Hier aber debattierte man, ob der Prinz sechs traditionelle Stockschläge auf den Allerwertesten kriegen müsse. Man posaunte es in alle Welt hinaus, damit jeder sähe, daß noch Gerechtigkeit herrsche in England, Sauberkeit und Ordnung! Trotz Profumo, Dr. Ward, Lord Astor, und wie sie alle heißen, die demnächst noch von dem Keeler-Skandal berührt werden. Verdrehte Welt! Ein Prinz als Prügelknabe!

Wenn aber zu politischem Zweck aus einem Süffchen eine Sensation, aus einem Floh ein Elefant wurde, was sagen die Pädagogen dazu, unter denen der Gründer von Gordonstown – der Deutsche Dr. Hahn – ein ganz hervorragender ist? Und wie sieht sich die Sache aus der Sicht des kleinen Prinzen an?

Vermutlich hat ein Vierzehnjähriger noch nicht Humor genug, über die Albernheit der Erwachsenen zu lachen. Viel eher mag er glauben, wunder was getan zu haben: Indem er den Sherry schluckte, bestand er ein fürchterliches Abenteuer, von dem alle Welt nun spricht; indem er die Strafe tapfer hinnahm, brachte er ein großes Opfer fürs Vaterland.

Im ersten Falle wird er vermutlich ein Freund des Alkohols werden, im zweiten ein Wichtigtuer. In jedem Falle, aber wird das gestört, was der Vater vernünftigerweise für seinen Sohn verlangt hatte: eine Erziehung im Kreise von gleichberechtigten Gleichaltrigen, die allesamt natürliche Jungen sind und folglich auch ihre Dummheiten machen dürften, ohne daß man ihre "Heldentaten" oder "Streiche" an die große Glocke hängt. M.