Von Wolfgang Leonhard

Mit Walter Ulbricht, dessen 70. Geburtstag am 30. Juni in der Zone mit großem Pomp begangen wird, bin ich im Laufe eines Jahrzehnts – mehrmals zusammengetroffen. Es wäre unwahr, wenn ich heute behaupten wollte, daß ich ihm von Anfang an kritisch gegenübergestanden hätte. Zunächst war er für mich eine absolute Autorität, und ich war bereit, seinen Anschauungen völlig zu folgen. Erst später, als sich meine Zweifel über das kommunistische System verdichteten und ich auch Ulbricht selbst näher kennenlernte, begann sich meine Einstellung zu wandeln.

Das erste Mal sah und hörte ich Walter Ulbricht bei einem Schulungskurs im November 1940 in Moskau – im Zentralgebäude der MOPR, der "Internationalen Organisation zur Unterstützung revolutionärer Kämpfer im Ausland". Ulbricht war damals nach Wilhelm Pieck "Nummer zwei" in der Emigrationsführung der KPD. Ich war damals gerade 19 Jahre alt.

Meine erste kleine Enttäuschung erlebte ich, als ich im Dezember 1941 im fernen Karaganda mit Ulbricht persönlich sprach. Nach Hitlers Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 war ich wie die meisten deutschen Emigranten in einen Güterwagen gepfercht und in das Gebiet Karaganda – der heutigen Neuland-Region – zwangsumgesiedelt worden. Nur die höheren Parteifunktionäre wurden in die baschkirische Hauptstadt Ufa – wo damals die Kommunistische Internationale residierte – oder nach Kuybischew evakuiert, dem zeitweiligen Sitz der Sowjetregierung. Bei einem Spaziergang durch die Stadt Karaganda sah ich im Dezember 1941 vor dem damals noch einzigen Hotel eine Gruppe von Menschen stehen, die in ihren dicken Pelzmänteln, Pelzmützen und Stiefeln wie Polarforscher aussahen – sie sprachen deutsch, und einer von ihnen war Ulbricht. Hans Mahle, den ich noch von Moskau her kannte, stellte mich ihm vor.

Ulbricht fragte mich, wie es denn den umgesiedelten deutschen Genossen gehe. Im Telegrammstil schilderte ich ihm das teilweise schwere und tragische Schicksal der Genossen. Aber zu meinem Erstaunen hörten Ulbricht und die anderen Funktionäre ziemlich gleichgültig zu. Ihr Interesse galt offensichtlich etwas anderem, Inzwischen waren einige amerikanische Jeeps vor dem Hotel vorgefahren. Ulbricht und seine Begleiter stiegen ein, verabschiedeten sich und fuhren davon. Erst viel später erfuhr ich, daß sie ein "antifaschistisches Komitee" in einem nahen Kriegsgefangenenlager besuchten. Mich bedrückte die Interesselosigkeit Ulbrichts für die deutschen Genossen – aber bald war dieser Zwischenfall vergessen.

Erst im Herbst 1943 kam ich mit Ulbricht wieder näher in Berührung. Inzwischen hatten die Deutschen Stalingrad verloren, die sowjetischen Truppen waren zur Offensive angetreten, und im Juli 1943 war aus einigen kriegsgefangenen Soldaten und Offizieren das "Nationalkomitee Freies Deutschland" gegründet worden. Dessen Sitz befand sich in Ljunowo, etwa 35 Kilometer von Moskau entfernt. Die Emigrationsführung der KPD und viele andere politischaktive deutsche Emigranten – darunter auch ich – waren mittlerweile nach Moskau zurückgekehrt. Ulbricht bezog wieder seine Wohnung im Hotel Lux, und auch wir Jüngeren durften nun in dem berühmten Hotel wohnen, wenn auch zu sechs in einem Zimmer und im Hinterhof.

Neben dem offiziellen Sitz des Nationalkomitees in Ljunowo wurde auch ein "inoffizielles", nur aus kommunistischen Emigranten bestehendes Büro direkt in Moskau eingerichtet. Dort waren die Zeitungsredaktion, der auch der heutige Zonen-Innenminister Karl Maron angehörte, und die Rundfunkredaktion tätig. Die besten und größten Zimmer wurden aber für den Präsidenten des Komitees, Erich Weinert, und für Walter Ulbricht zur Verfügung gestellt.