Berlin

Es gibt in Ostberlin, neben anderen nicht minder wichtigen Presseerzeugnissen, die Monatsschrift "Der Hund", mit dem Untertitel "Zeitschrift für das Hundewesen der Deutschen Demokratischen Republik". Das Blatt hinkt zwar hinter der Aktualität her, den politischen Tendenzen jedoch, um mich in der Hundefachsprache auszudrücken, bleibt es hart auf der Spur. So berichtet das jetzt ausgelieferte Juni-Heft mit gut zweimonatiger Verspätung über den 1. Verbandstag des "Verbandes der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter", der Anfang April in Leipzig stattfand.

"Tosender Beifall der Delegierten setzte ein", so ist im "Hund" zu lesen, "als Genosse Bruno Kiesler, Stellvertretender Leiter des Büros für Landwirtschaft des ZK der SED, dem Verbandstag die Grußadresse des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, unterzeichnet vom Ersten Sektretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik, Genossen Walter Ulbricht, übermittelte.

Nach zwei langen Tagen langer Reden, "getragen von den Beschlüssen des VI. Parteitages der SED", wurden alle Entschließungen, wie konnte es auch anders sein, einstimmig angenommen, und Genosse Bruno Kiesler übertraf jeden noch so böswilligen westlichen Parodisten, als er sein Schlußwort sprach:

"Betrachten wir den 1. Verbandstag so, wie das die sowjetischen Kosmonauten tun, für die der Kommunismus die Startbahn in den Kosmos ist... Betrachten wir den Verbandstag als eine sichere Plattform und sichere Startbahn, die uns dorthin führen wird, daß wir bis zum nächsten Verbandstag ein gewaltiges Stück vorwärtsgekommen sein werden."

So informieren denn auch die weiteren Seiten des "Hund" darüber, daß die markigen Worte des Genossen Kiesler nicht auf taube Ohren getroffen sind. Im Namen der Grundorganisation "Thälmann" in Brandenburg berichtet Sportfreund Jochen Piesker:

"Die GO ‚Thälmann‘ hat die Wintermonate gut genutzt. Ausgehend von den Beschlüssen des VI. Parteitages der SED und den Anregungen der Sektionsleitungen haben die Sportfreunde in emsiger Kleinarbeit alle bisher doch noch bestehenden Vorurteile, sprich Vereinsegoismus, über Bord geworfen. Sie stehen heute kurz vor dem Abschluß eines Freundschaftsvertrages mit der Hundestaffel des Volkspolizeikommandos Brandenburg. Der Hauptinhalt des Freundschaftsvertrages ist eine gegenseitige Unterstützung in ideologischer sowie sportlicher Hinsicht."

Leihst du mir deinen Hund, leih ich dir meine Schulungsbriefe. Doch das ist Zukunftsmusik, während die SZG (lies: Sportzuchtgemeinschaft) Collie – Sheltie – Bobtail in Rüdersdorf bei Berlin schon Ergebnisse aufzuweisen hat:

"Was leistete nun diese Grundorganisation, die Ende 1962 nur 17 Sportfreunde umfaßte, im vergangenen Jahre?" fragt Obmann Ruppert-Rente, und er antwortet: "Ich bringe es mit Stolz zur Kenntnis: Die GO führte regelmäßig ihre Mitgliederversammlungen durch, die mit etwa 98 Prozent aller Sportfreunde besucht wurden. An 40 Sonntagen wurden 1280 Stunden im Nationalen Aufbau-Werk geleistet. Aus Beiträgen haben sie 437,75 DM eingenommen und für den Verkauf von Äpfeln 607,30 DM erhalten. Das ist ein Gedanke, auf den andere Grundorganisationen noch nicht gekommen sind. Diese Initiative muß bewundert werden."

Auf einem Gebiet jedoch scheinen noch sehr erhebliche ideologische Abweichungen vorhanden zu sein, und ich greife vielleicht nur den Hundezüchtern der Volksrepublik China vor, wenn ich jetzt schon auf dieselben hinweise: Die Namen, die die Hundezüchter der DDR ihren Tieren geben, zeigen in geradezu erschreckender Weise eine feudalistisch-rückständige, imperialistische Einstellung. So sind in der Nummer 6/1963 des "Hund" Photos zu sehen von Pudeln mit den Namen "Maro Graf von Monte Christo", "Ariana de Montpellier" und "Anti von Burg Schenkhofen". Fast verbrecherisch imperialistisch allerdings scheint mir der Name Kobold von Kamerun" für einen Foxterrier, denn er erinnert an die finstersten Zeiten kolonialer Unterdrückung, da es sich nicht um einen schwarzen, sondern um einen weißen Foxterrier handelt. Ewald Pfeiffer