Jene Skeptiker diesseits und jenseits des Atlantiks, die glaubten, die Deutschen vermöchten nur einer Vaterfigur vom Typ de Gaulle oder vom Typ Adenauer Vertrauen zu schenken, nur ihr zuzujubeln – sie sind in diesen Tagen eines besseren belehrt worden. Präsident John F. Kennedy, der junge Präsident mit den ernsten und prüfenden Augen, hat bei seinem Besuch in der Bundesrepublik einen Triumphzug erlebt. Er ist, wie man im politischen Werbejargon zu sagen pflegt, "angekommen".

Paßt aber ein Wort aus diesem Jargon überhaupt zu einem offiziellen Besuch, bei dem es, wie man glauben sollte, doch vor allem um hoch wichtige Staatsgeschäfte ging, um Beratungen hinter verschlossenen Türen? Kam es wirklich auf ein bißchen Jubel mehr oder ein bißchen Jubel weniger an? War es wichtig, wie der Präsident aufgenommen wurde – auch und gerade außerhalb des offiziellen Bonn?

Ja, es kam diesmal ganz besonders auf den Jubel an; die Reaktion des Volkes war wichtig.

Als Charles de Gaulle im letzten Herbst die Bundesrepublik in einer politischen Demonstrationsreise von Nord nach Süd durchquerte, als ihm, dem Präsidenten des versöhnten Nachbarvolkes, sehr viel ehrliche Sympathie, viel erfurchtsvolle Huldigung und wohl auch ein bißchen Zirkusbegeisterung entgegengebracht wurde, war er der erste, der den Beifall der Deutschen als ein Bekenntnis auch zu seiner, des Generals de Gaulle, politischer Konzeption auslegte.

In Amerika, als die Präsidentenreise bevorstand, hat es viele Stimmen gegeben, die sagten, dem ernsten, politischen Geschäft könne dieser Besuch nicht dienen. Denn was könne Kennedy, der auf dem Kulminationspunkt der Rassenkonflikte zu Haus weiß Gott gebraucht wird, schon ausrichten in der Bundesrepublik – im Gespräch mit einem Kanzler, der bald kein Kanzler mehr sein wird, mit einem Vizekanzler, der schließlich noch kein Kanzler ist? Hinter diesen warnenden Argumenten stand natürlich auch die Sorge, daß der amerikanische Präsident, der in seiner weltpolitischen Führungsposition den Glanz des Erfolges braucht, der sich Schlappen einfach nicht leisten kann, hierzulande kühler aufgenommen werden könnte als sein großer Widerpart aus Paris.

Also wurde, als Kennedy sich doch zu der Reise entschloß, die Visite in vorsichtiger Untertreibung als ein "Arbeitsbesuch" gekennzeichnet.

Die "Arbeit" – jedenfalls im Sinne der politischen Beratung – hat aber diesmal im Besuchsprogramm in der Tat keine Rolle gespielt. Die wenigen Gesprächsstunden in Bonn haben im Zeitplan nur eine untergeordnete Rolle eingenommen. Sagen wir es offen: diese Präsidentenreise in die Bundesrepublik war vor allem anderen ein plebiszitäres Unternehmen.