Politische Entführung und ein Schweizer Beispiel

Von Eduard Zellweger

Entführung, Freiheitsberaubung, Menschenraub – in den vergangenen Monaten sind diese Begriffe immer wieder in den Schlagzeilen aufgetaucht. Ahlers, Argoud, Kleinwächter, Joklik; die Affären sind bekannt, aber unaufgeklärt. Bei Ahlers hat sich die Bundesregierung für die unangebrachte Form seiner Verhaftung bisher mit keinem Wort entschuldigt, nicht einmal bei Frau Ahlers; im Fall Argoud tappt sie noch immer im Dunkeln (absichtlich?); ihr Auslieferungsbegehren in Sachen Kleinwächter/Joklik war zu unpräzis, als das es hätte Erfolg haben können. Viel energischer handelte die Schweiz vor 23 Jahren im Fall Jacob, der in letzter Zeit immer wieder zitiert worden ist: Damals mußten die Nazi-Behörden einen Entführten wieder herausgeben, weil sich Bern massiv dafür einsetzte. Dr. Eduard Zellweger, der die Jacob-Affäre im folgenden Beitrag schildert, ist ein prominenter Schweizei Jurist, der seinem Lande mehrmals auch in diplomatischer Mission gedient hat Im Jahre 1935 war er Jacobs Rechtsbeistand.

Am 16. März 1935 kündigte Hitler die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und die Aufstellung einer Armee von 36 Divisionen an, womit er sich einseitig von der Deutschland auferlegten Verpflichtung zur Rüstungsbeschränkung lossagte. Genau eine Woche vorher entführten Agenten der Gestapo den Journalisten Berthold Jacob von dort nach Deutschland; er hatte seit Ende des Ersten Weltkrieges einen konsequenten publizistischen Kampf gegen die Remilitarisierung Deutschlands geführt. Seine Entführung rief eine weltweite Sensation hervor.

Die Verschleppungsaffäre Jacob gliedert sich in ein diplomatisches und ein strafrechtliches Kapitel. Zunächst einmal forderte und erwirkte die schweizerische Regierung die Rückgabe Jacobs. Danach aber mußte sich der Entführer Fans Wesemann, der zehn Tage nach dem von ihm begangenen Verbrechen in der Schweiz verhaftet worden war, vor dem Strafgericht des Kantons Basel-Stadt verantworten. Jacob beteiligte sich am Strafverfahren als Nebenkläger.

Berthold Jacob Salomon, genannt Jacob, war im Dezember 1918 aus dem Krieg heimgekehrt, ein Zwanzigjähriger, den das Kriegserlebnis aufgewühlt und erschüttert hatte. Von seiner Rickkehr an kämpfte er in Deutschland als ’aktiver Pazifist zusammen mit politischen Freunden gegen die "Schwarze Reichswehr" und die deutsche Wiederaufrüstung, "wobei er deutschen militärischen Ereignissen und Zuständen, die er für vertragswidrig und ungesetzlich ansah, systematisch nachspürte und sie der Öffentlichkeit bekanntgab", wie es im Urteil des Basler Strafgerichtes heißt.