Von Waller Abendroth

Die "Große Kunstausstellung München 1963" wurde im "Haus der Kunst" eröffnet. Sie bleibt bis zum 6. Oktober geöffnet. Der Katalog verzeichnet 535 Künstler und 921 Werke, die sich auf die "Neue Münchener Künstlergenossenschaft", die "Secession" und die "Neue Gruppe" verteilen.

Wieder einmal: ein verwirrendes Überangebot, das nur in Tagesetappen einigermaßen zu bewältigen wäre, zumal die Monstreschau obendrein noch bereichert wurde um 102 Bilder zeitgenössischer amerikanischer Kunst aus der Sammlung des Millionärs Herbert F. Johnson. Wie diese nun ausdrücklich sämtliche derzeit in Amerika gepflegten Richtungen vertreten will (es werden namhaft gemacht "Romantischer Realismus", "Exakter Realismus", "Phantastischer Surrealismus", die "Sozialkritische Richtung", "Gegenständlicher und ungegenständlicher Expressionismus" und "New Image"), so bietet auch die Hauptausstellung einen fast lückenlosen Oberblick über alle künstlerischen Strömungen der Gegenwart.

Allein auch die jüngsten von diesen Gesichtern beginnen bereits schablonenhafte Alterszüge aufzuweisen, und das so oft behauptete "stürmische! Entwicklungstempo", der viel besungene "revolutionäre Elan" heutiger Kunst erscheint bei näherer Betrachtung nachgerade als ein durchaus unentschiedenes Auf-der-Stelle-Treten.

Indessen – das ergibt gerade dieses umfassende Panorama, einschließlich des amerikanischen Appendix – es ist gar kein Nachteil, daß es in jenem jahrzehntelangen Wettlauf der "Richtungen" keinen Sieger gegeben hat!

Es ergibt sich dabei eine erfreuliche Bilanz: Der Anteil ausgezeichneter Leistungen in dieser Ausstellung ist erstaunlich groß. Und zwar beschränkt er sich nicht auf die großen alten Namen (Kokoschka, Purrmann, Schmidt-Rottluff, Willi Geiger, Nay) und nicht auf die längst arrivierte "klassische" Garnitur der ehedem Radikalen. In allen Richtungen sind vielmehr Vertreter eines hochqualifizierten, sozusagen "oberen" Durchschnitts zu bemerken, in deren Arbeiten unverkennbare persönliche Aussage die Richtungsdogmatik zur Nebensächlichkeit macht.

Leider muß allerdings gesagt werden: Gerade diese Menge achtbarster Qualität – die nicht selten mehr fesselt als die patentierte "Prominenz" – wird durch die erdrückende Quantität, aus der sie doch herausgefunden werden will, benachteiligt. Besagte Menge nämlich dokumentiert um so eindeutiger das erwähnte "Auf-der-Stelle-Treten" der "Richtungen" als solcher. Am ermüdendsten wird das wohl evident bei den "Surrealisten". Ihr offenbar überhaupt nicht mehr wandlungsfähiges Rezept der Mischung von Grauen und Groteskkomik hat nachgerade zu einem veritablen System allgemeiner wechselseitiger Abschreiberei geführt.