Von Hans Walter Berg

New Delhi, im Juni

Nach den jüngsten Niederlagen der indischen Kongreßpartei bei einer Reihe wichtiger Nachwahlen rechneten sich die siegreichen Oppositionsgruppen eine Chance aus, daß sie vereint bei den nächsten allgemeinen Wahlen das dann zwanzig Jahre alte Regierungsmonopol des Kongresses endlich brechen könnten. Wie es jedoch um die angestrebte Einheitsfront der indischen Oppositionsparteien in Wirklichkeit bestellt ist, wird in einer hübschen Karrikatur der großen Tageszeitung TIMES OF IN DIA verdeutlicht: Vier Männer stoßen eine mächtige Lanze in Richtung auf den Kongreß, aber der Lanzenschaft ist in vier Teile zerspalten. Die Spitze wird wie eine Ramme mit mächtigem Schwung von Rajagopalachari geführt, dem greisen Chef der Rechtspartei "Swatantra". Hinter ihm bricht der Lanzenschaft ab, und der nächste Teil des Schaftes schwebt in den Händen des Sozialistenführers Dr. Lohia. Das Lanzenende – in sich noch einmal gespalten – tragen die beiden Oppositionspolitiker Ashoka Metha und Kripalani, die Gründer und ehemaligen Führer der "Praja-Sozialisten", die beide nacheinander den Parteivorsitz niedergelegt haben.

"Selbst ist der Mann" lautet – sinngemäß übersetzt – die Überschrift dieser Zeichnung, die trefflich die extreme Eigenbrötelei der indischen Oppositionsparteien karikiert. Sie alle sind zum Angriff auf den Kongreß angetreten, aber ihre Front ist genauso zerspalten wie der Lanzenschaft in der Karikatur. Der bedeutendste Kopf unter den Siegern der Nachwahlen, Acharya Kripalani, hat kürzlich ein Sechs-Punkte-Programm aufgestellt, das die Zusammenarbeit aller nichtkommunistischen Oppositionsparteien ermöglichen sollte. Unmittelbar danach fand die Jahrestagung der "Praja-Sozialisten" statt, auf der nicht nur unüberbrückbare Gegensätze zu den anderen Oppositionsparteien sichtbar wurden, sondern die auch so starke interne Meinungsverschiedenheiten enthüllte, daß der bisherige Führer Ashoka Metha sein Amt niederlegte.

Aus dem Lager des Kongresses hört man hämische Stimmen über die Uneinigkeit unter den Oppositionsparteien, aber im Grunde ist der Kongreß in sich genauso heterogen und zerspalten wie die Gruppe seiner Gegner – mit dem einzigen Unterschied, daß das Regierungs-Konglomerat, dessen Skala von den Ultrakorservativen bis zu den getarnten Kommunisten reicht, durch die Magie der Futterkrippe, durch die Anwartschaft auf die Pfründen der Macht, zusammengehalten wird. Würde der Kongreß das Regierungsmonopol, das er in der Zentrale und allen Einzelstaaten besitzt, verlieren, dann begänne auch bei ihm sicherlich sehr bald der Zerfall in zahlreiche gegensätzliche Interessengruppen. Mit dem Zerfall des Kongresses aber, und nur damit, könnte endlich die Bildung wirklich profilierter politischer Parteien in Indien beginnen.

Hätte man 1947 auf den Rat Mahatma Gandhis gehört, dann wäre der Kongreß am Tage der indischen Unabhängigkeit aufgelöst worden. Nach Gandhis Meinung hatte diese Sammlungsbewegung aller indischen Freiheitskämpfer ihre Aufgabe erfüllt und mußte – sollte sie trotzdem weiter existieren – in Gefahr geraten, eine Organisation von Berufspatrioten zu werden. Eine solche Organisation aber, so fürchtete Gandhi, würde die Bildung politischer Weltanschauungsparteien außerordentlich erschweren, wenn nicht überhaupt verhindern.

Der Mahatma, dessen Rat man 1947 in den Wind schlug, hat recht behalten. Wäre der Kongreß damals aufgelöst worden, dann hätten sich seine Anhänger sehr wahrscheinlich zu drei politischen Parteien neu formiert: Auf dem rechten Flügel die Konservativen und Liberalen unter Führung des ersten indischen Innenministers Sadar Patel, in der Mitte die Sozialdemokraten unter Nehru, und auf dem linken Flügel schließlich die Kommunisten. Aus dieser Konstellation heraus hätte sich bis heute wahrscheinlich eine Zwei-Parteien-Demokratie entwickelt, mit einer gemäßigten Linken und einer gemäßigten Rechten (die die radikaleren Gruppen beider Flügel entweder absorbiert oder völlig überspielt hätten); die Kommunisten wären dabei als nichtkoalitionsfähig für beide Parteien "draußen vor der Tür" geblieben.