Wie der Diplomchemiker Bollinger auf die Anklagebank geriet – Das Gericht entschied: Bestechung

Düsseldorf

Drei Tage lang, von morgens neun Uhr bis abends neun Uhr, grübelte sich die Zweite Große Strafkammer des Düsseldorfer Landgerichts durch eine Affäre, deren Details den Landgerichtsdirektor Dr. Reucher und seine Beisitzer wiederholt zu der lapidaren Bemerkung veranlaßten: "Das kann ich nicht verstehen." Denn diese Details schienen nur einen Tatbestand zu verdunkeln, der eigentlich hätte klar sein sollen: Bestechung.

Die Justizpressestelle hatte mitgeteilt: Der Angeklagte Wilhelm Bollinger, 43, nicht vorbestraft, "der als Diplomchemiker und Angestellter in einer Lackfabrik in H. tätig war, wurde am 15. 5. 1958 als Angestellter von einem Bundesministerium in Bonn eingestellt. Vor seinem Ausscheiden aus der Firmä W. bot ihm der inzwischen verstorbene Seniorchef dieses Unternehmens am 20. 4. 1958 ein Geschenk an. Der Angeklagte erkannte, daß W. ihn durch das Geschenk gefügig machen wollte, der Firma W. pflichtwidrige Informationen zu erteilen, die er während seiner Tätigkeit beim Bundesministerium erlangen würde. Trotzdem erbat er sich einen Volkswagen, behielt sich jedoch insgeheim vor, keine pflichtwidrigen Mitteilungen zu machen." Mit auf der Anklagebank saß der Angestellte F. aus der Firma W. Er hatte Bollinger auf Anweisung des Firmenchefs den Wagen besorgt.

In der Verhandlung widerrief Wilhelm Bollinger sein Geständnis aus der Voruntersuchung ganz entschieden. "Es war alles falsch", sagte er nun. "Richtig ist, daß ich den Volkswagen als Abfindung für zwei Patente erhielt, an denen ich in meiner früheren Firma gearbeitet hatte. Die Vergütung bekam ich vor Eintritt ins Bundesverteidigungsministerium." – "Das kann nicht sein", meinte Landgerichtsdirektor Dr. Reucher.

Ganz unvorstellbar erschien den Richtern die Figur des verstorbenen Seniorchefs aus der Firma W. und seine Praktiken im Umgang mit seinen Angestellten. Der alte Chef war ein Patriarch, der mit fester Hand nicht nur die beruflichen sondern auch die persönlichen Schicksale seiner 2000 Angestellten dirigierte. Die Arbeiter verehrten und fürchteten ihn. Der alte Chef ging mit einem Butterbrotpaket auf Geschäftsreisen und erwartete von seinen Mitarbeitern ähnliche Sparsamkeit. Wünsche auf Gehaltserhöhung mußten sie bei ihm selbst vorbringen. Das taten sie jedoch nur mit äußerster Überwindung.

Im Mai 1954 wurde der Diplomchemiker Bollinger mit einem Anfangsgehalt von 550 DM eingestellt. Innerhalb von vier Jahren stieg sein Gehalt auf 1075 Mark brutto, er ließ jedoch keinen Zweifel daran, daß es vieler Gänge zum Chef bedurft hatte, um auf diese Summe zu kommen.