Auch das konnten die Richter nicht verstehen: "Was war der alte W. nun wirklich für ein Mensch", fragte der Vorsitzende den Mitangeklagten F. Er antwortete: "Er war sparsam und fleißig, arbeitete samstags und sonntags und war ein strenger Vorgesetzter." "Er war ein großer Mann", meinte Bollinger.

Der Diplomchemiker arbeitete beim alten W. im analytischen Laboratorium. Er befaßte sich vornehmlich mit der Herstellung von Tarnfarben und Tarnlacken und entwickelte als erster einen Infrarot-Tarnanstrich, der das Amt Blank und spätere Bundesverteidigungsministerium zufriedenstellte. Aus seinem Arbeitsgebiet meldete er zwei Patente an. "Auf Grund von Bollingers Entwicklungen wurde in unserer Firma produziert", erzählte ein früherer Kollege des Angeklagten. "Auch aus den eingehenden Aufträgen ergab sich, daß Bollingers Arbeiten Erfolg gehabt hatten." Seit 1956 fuhr Bollinger regelmäßig als Firmenvertreter zum Bundesverteidigungsministerium und wurde zu Sitzungen eines wissenschaftlich-technischen Ausschusses eingeladen.

Dem Ministerium schien das Wissen des Chemikers so wichtig zu sein, daß es ihm 1958 einen Posten als Regierungsrat in der Forschungsabteilung anbot. Bollinger nahm an. Das Bundesverteidigungsministerium riet ihm damals, sich seine Patente von seiner alten Firma abgelten zu lassen, bevor er seine neue Tätigkeit begann.

Ein VW als Abfindung

Der Zeuge hatte Bollingers Erfindungen damals auf acht- bis zehntausend Mark geschätzt. Als der Firmen-Patriarch Bollinger gefragt hatte, was er sich als Abgeltung vorstelle, hatte der Chemiker um fünftausend Mark für einen Volkswagen gebeten. Der Alte war einverstanden und beauftragte den Mitangeklagten F., den VW zu besorgen. F. weiß heute noch nicht, warum er auf der Anklagebank sitzt: "Ich bekam von unserem Chef die Anweisung an B. einen fabrikneuen Wagen als Entgelt für seine Patente zu liefern, und zwar vor seinem Ausscheiden. Diesen Auftrag erhielt ich nur, weil ich Leiter der Kraftfahrzeugabteilung bin. Ich habe Bollinger nie wieder gesehen und habe auch keine Verbindung zum Bundesverteidigungsministerium gehabt."

Der neue VW hatte eine Lieferfrist von fünf Monaten. Für die Zwischenzeit erhielt Bollinger einen Gebrauchtwagen, den er an seine alte Firma zurückgab, als am 23. September 1958 der neue Wagen geliefert wurde. Er erhielt von F. 5000 Mark in bar und holte sich den Wagen selbst ab. Laut Quittung kostete das Auto jedoch 5346,45 Mark, Der Vorsitzende fragte: "Warum ließen sie sich mit 5000 Mark abspeisen? Ist Ihnen nicht aufgefallen, daß die Firma Ihnen Bargeld gab? Sie wollte wohl nicht in Erscheinung treten?" 1958 schien sich Bollinger darüber keine Gedanken gemacht zu haben. Er war froh über die 5000 Mark, die ihm sein Chef bewilligt hatte.

Im Protokoll, das nach der ersten Vernehmung Bollingers am 29. Januar 1962 vom Untersuchungsrichter ausgefertigt wurde, hören sich Bollingers Überlegungen jedoch anders an. Der Vorsitzende las aus dem Vernehmungsprotokoll vor: "Ich gewann den Eindruck, daß der Geschäftsmann W. mich ködern wollte. Er war knauserig. Die 5000 Mark gab er mir offenbar nur, damit ich veranlaßt wurde, für ihn etwas im Bundesverteidigungsministerium zu tun. Aber ich habe es nicht getan ... Eine Vergütung stand mir gar nicht zu. Ich roch direkt, daß W. mich überspielen wollte ... Aber ich habe es nicht mit mir tun lassen." Auf die Vorhalte des vernehmenden Staatsanwalts, das sei ja Betrug gewesen, antwortete Bollinger laut Protokoll: "Jawohl, ich habe W. betrügen wollen." Mit Tränen in den Augen erklärte Bollinger jetzt: "Das ist nicht wahr."