Ein enttäuschter Aktionär klagte Anfang der Woche, die Kursentwicklung der letzten Zeit habe seine Erwartungen enttäuscht. Rechtzeitig vor Bekanntgabe der Dividenden- und Kapitalerhöhungsbeschlüsse habe er Daimler- und NSU-Aktien gekauft; aber in beiden Fällen hätten die Entschlüsse der Verwaltung keine Kurssteigerungen zur Folge gehabt.

Aus der kurzfristigen Sicht hat dieser Aktionär recht: Der Kurs der Daimler-Aktie streifte nach Bekanntwerden der Verwaltungsvorschläge Ende letzter Woche nur vorbörslich die 1400-Prozent-Grenze und ermäßigte sich dann wieder. Die Sensation, die die Daimler-Verwaltung zu verkünden hatte, war für die Börse keine. Sie war vielmehr offensichtlich bereits eskomptiert worden. Immerhin bedeutet der Dividendensatz von wieder 14% auf das im Verhältnis 4:1 durch Ausgabe von Zusatzaktien zu erhöhende Aktienkapital, daß der Daimler-Aktionär im Vergleich zu 1958 heute das 3,6fache der damaligen Dividende erhält.

Die vorgeschlagene Ausgabe von Zusatzaktien aus Gesellschaftsmitteln im Verhältnis 4 : 1, über die die Hauptversammlung am 29. Juli zusammen mit der gleichzeitig vorgeschlagenen Kapitalerhöhung im Verhältnis 4 : 1 zum Ausgabekurs von 100% beschließen soll, ist die dritte Kapitalveränderung bei Daimler-Benz seit 1960. Einschließlich der neuen Maßnahmen ist das Kapital der Daimler-Benz AG von ursprünglich 72 Millionen DM auf rund 337 Millionen DM aus Gesellschaftsmitteln erhöht worden. Nach Durchführung der Kapitalerhöhungen zum Emissionskurs von 100% wird das Aktienkapital 405,8 Millionen DM betragen. Rechnerisch ergibt sich bei einem Kurs von angenommen 1380 % nach Abschlag der Zusatzaktien und des Bezugsrechtes ein Kurs von 930%. Gemessen an dem seit langer Zeit gewohnten über 1000 % stehenden Börsenkurs hat also auch der oben erwähnte, "enttäuschte" Aktionär durchaus noch Hoffnungen.

Die Entscheidung der Daimler-Benz-Verwaltung, ihre Aktionäre am günstigen Ergebnis der Gesellschaft in stärkerem Maße teilnehmen zu lassen, ist weit über den Kreis der Automobilaktien hinaus für die Grundstimmung der Börse von wesentlicher Bedeutung. Die scheinbare Lethargie des Aktienmarktes in den letzten Wochen verdeckte zahlreiche Einzelbewegungen. Seit Mitte Mai haben die international bekannten Standardwerte einen Teil der zuvor erzielten Kursgewinne wieder eingebüßt und somit das Bild einer leicht rückläufigen Tendenz gegeben. Dagegen ist eine Vielzahl von zumeist kleineren und mittleren Werten seit dem Mitte Mai erreichten Höhepunkt der Hausse weiter gestiegen. Darunter sind vor allem Bauwerte, Hypothekenbanken, Versicherungsaktien und eine Reihe von Elektro-Versorgungs-Unternehmen. Kennzeichnend für die überwiegende Mehrzahl dieser Unternehmen ist, daß sie in letzter Zeit einen günstigen Geschäftsbericht und eine Erhöhung der Dividende bzw. günstige Bedingungen für eine Kapitalerhöhung bekanntgegeben haben.

Es lohnte sich für den Anleger in der letzten Zeit mehr als sonst, Geschäftsberichte zu studieren und auch bei sogenannten Nebenwerten wie Hageda, Enzinger Union, Appel Feinkost auch nach Veröffentlichung der Dividendenvorschläge roch zu kaufen. Andererseits sollte der Aktionär vor einem gelegentlichen Umtausch nicht zu lange zögern. So hat die Bekanntgabe der Dividendensenkung bei Pfaff Nähmaschinen (von 15% auf 8%) den Kurs um rund 30 Punkte sinken lassen. Allerdings findet bei Auftreten schlechter Ergebnisse die Möglichkeit noch günstig zu verkaufen dort ihre Grenzen, wo sich die Aussicht auf zukünftige Besserung bereits zeigt. Eindrucksvolle Beispiele für diese "untere Grenze" gaben gerade’ in diesen Tagen Gelsenkirchener Bergwerk und Deutsche Erdöl, die beide, trotz bekanntgegebener niedrigerer Dividenden, auf Grund der wachsenden Bedeutung des Erdölsektor; auf neue Jahreshöchstkurse anzogen. H. M.