Berlin, im Juni

Präsident Kennedy hat ruhigen Instinkt bewiesen, als er trotz aller Kritik nach Deutschland kam. Die Kritik auf amerikanischer Seite ist verstummt. Nichts ist erfolgreicher als Erfolg. Die Berater des Präsidenten haben seine persönliche Wirkung richtig vorausgesagt. Deutschland und die Deutschen sind ihm nähergekommen. Ist umgekehrt auch er Uns näher gekommen?

Wer ihn auf seinen anderen Auslandsreisen begleitet hat, bemerkt diesmal eine besonders konzentrierte Anspannung. Auch wenn Kennedy die vorauskalkulierten "Lacher" provoziert (Kölle alaaf!), wirkt er noch wie ein Football-Spieler, der nur daran denkt, den Ball über die Linie zu bringen. Die amerikanischen Kollegen beobachten wohlgefällig, wie er abermals als "Liebling der Götter" gefeiert wird. Seine Form gleicht derjenigen auf den Wahlkampagnen. Von Rede zu Rede wird er besser. Oft überspringt er sogar die Sprachbarriere und hat den Beifall seiner deutschen Zuhörer, ehe der Übersetzer ans Mikrophon tritt.

Die Amerikaner bestreiten gar nicht, daß ihr Präsident um Deutschland wirbt. Sie betrachten die Publizität des Besuches im Fernsehen, im Funk und in den Zeitungen als wichtigste Voraussetzung für das volle Gelingen der Reise. John Kennedy will das deutsche Volk erreichen, besonders die Jugend. Und dies gelingt ihm so gut, daß seine amerikanischen Begleiter ihre Sorgen wegen de Gaulles früherem Erfolg völlig vergessen haben.

Ebensowenig sind sie besorgt über die offensichtliche Kühle des scheidenden Bundeskanzlers. Der Präsident tat alles, um Dr. Adenauer zu würdigen; aber es war die Reverenz, die man einem Denkmal erweist. Kennedy legte Wert darauf, den künftigen Bundeskanzler Erhard besser kennenzulernen, den er seit langem schätzt. Die Amerikaner versichern, daß die Verschiebung des Informationsgespräches mit dem SPD-Kanzlerkandidaten nur sachliche Gründe hatte.

Kennedys anfängliche Zurückhaltung schwand besonders deshalb so schnell, weil er fühlte, daß ihm nicht nur die Bewunderung entgegenschlug, die dem Mächtigen so leicht zuteil wird, sondern echte Dankbarkeit. Dankbarkeit des deutschen Volkes für das amerikanische Volk und echte Sympathie für den Mann John Kennedy und seinen politischen Stil.

Der Erfolg des amerikanischen Präsidenten in Deutschland strahlt schon zurück auf die USA. Daran liegt dem Taktiker Kennedy nicht weniger als an dem durch seinen Besuch verbesserten Verhältnis der Vereinigten Staaten zur Bundesrepublik Deutschland. Thilo Koch