Hamburg

Mehr als 3000 Menschen hockten am vergangenen Sonntag auf den Treppen, standen in den Gängen und drängten sich auf den harten Holzsitzen der Hamburger Michaeliskirche. Der wortgewaltige Theologieprofessor Helmuth Thielicke wetterte gegen konventionelle Vorstellungen von der Unsterblichkeit der Seele. Eingekeilt in die Schar der Gläubigen und Neugierigen saßen zwei, die seit dem Tage ihrer Konfirmation kein Gotteshaus mehr von innen gesehen hatten. Sie glaubten an den Marxismus-Leninismus: kommunistische Funktionäre. Der eine, Dr. Kurt Ottersberg, Redakteur der Ostberliner Studentenzeitung "Forum" und Dozent an der Humboldt-Universität, der andere, Hans-Joachim Linn, Mitglied des Zentralrats der FDJ und des Hauptausschusses der "National-Demokratischen Partei". Professor Thielicke wußte nicht, daß inmitten seiner Verehrer zwei Funktionäre des SED-Staates waren – die ersten, die nach dem Bau der Mauer zu einem "offiziellen" Besuch in die Bundesrepublik gekommen waren.

Die Umstände der "offiziellen" gesamtdeutschen Begegnung in Hamburg waren nicht ganz ohne Dramatik. Der befürchtete politische Skandal jedoch fand nicht statt. Begonnen hatte alles in der Tschechoslowakei. Hamburger Mitglieder des Christlichen Vereins Junger Männer trafen dort auf Angehörige der Freien Deutschen Jugend. Sie stellten fest, daß man sich entgegen gültigen westdeutschen Vorstellungen doch noch über vieles mit den Blauhemden unterhalten konnte. Sie fanden, die Diskussionen mit ihnen interessant und informativ, und sie witterten die Chance, über die mitteldeutsche Staatsjugend die abgerissenen Kontakte zu jungen Christen in der DDR wiederaufnehmen zu können.

Als am 17. Juni die Hamburger Jugendorganisationen die "Durchlöcherung" der Mauer und Schritte zur Wiederherstellung menschlicher Kontakte über die Zonengrenze hinweg forderten, meldeten die christlichen jungen Männer, sie hätten den ersten Schritt bereits in aller Stille getan. Der Schrecken bei den übrigen Jugendverbänden war nicht klein, als sie erfuhren, der CVJM erwarte FDJ-Besuch. Im sozialdemokratischen Parteihaus wies man entsetzt das Ansinnen zurück, einen SPD-Vertreter mit den kommunistischen Funktionären auf einem Podium über die Wiedervereinigung diskutieren zu lassen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Dietrich Rollmann nahm die Einladung zur Diskussion dagegen unerschrocken an. Er versichert noch heute, er wäre gekommen, wenn er den Brief mit dem Termin der Veranstaltung nicht zu spät geöffnet hätte.

Bei der Hamburger Jugendbehörde meldete sich die Abteilung IV A der Hamburger Kriminalpolizei (für Staatsschutz, Hoch- und Landesverrat) und fragte an, ob man einen CVJM kenne und ob diese Organisation politisch verdächtig sei. Kurz darauf klingelte das Telephon im CVJM-Haus an der Alster. Kriminalrat Müller riet dem CVJM-Vorsitzenden Weber, sich Unannehmlichkeiten zu ersparen und die Diskussion mit den Kommunisten abzublasen. Weber wollte nicht auf den Chef der "K IV A" hören. Müller bedeutete ihm darauf, er müsse mit der Auflösung der Veranstaltung und der Festnahme der FDJler rechnen.

Die Kommunisten Ottersberg und Linn überwanden mit Hilfe der schriftlichen Einladung des CVJM die erste Hürde – die westdeutsche Grenzkontrolle. Einige Stunden später saßen sie im Hamburger CVJM-Haus hundert diskussionsbegierigen Jugendlichen, einigen Vertretern der Hamburger Presse und einem Beamten der politischen Kriminalpolizei gegenüber. Ihre Nervosität war nicht zu verbergen.

Die FDJ-Vertreter mußten sich den scharfen Attacken junger Flüchtlinge stellen. Sie wurden gefragt, warum sie sich nicht gegen die politische Terrorurteile in ihrem Teil Deutschlands wendeten. Ein Hamburger Altkommunist kam ihnen rechtzeitig mit seiner Geschichte zur Hilfe: sechs Monate Untersuchungshaft, jetzt polizeiliche Überwachung und noch kein Verhandlungstermin. Und sie mußten immer wieder versuchen, den Bau der Mauer zu begründen.