Von Theo Sommer

Mancherwärts in Europa ist es zum beliebten Spiel geworden, mit Fingern auf den amerikanischen Präsidenten zu zeigen und schadenfroh auszurufen: "Seht doch, was der junge Mann im Weißen Haus alles vermasselt hat; seht doch, wie hilflos er vor den großen Problemen dieser Welt steht, seht doch, welch weiter Abgrund zwischen seinen kühnen Worten und seinen zaghaften Taten liegt!"

Offen gestanden: Ich kann für derlei wohlfeile Schadenfreude kein Verständnis aufbringen. John F. Kennedy ist nicht der Superman, den ich selber in dem jungen Senator gesehen haben mochte, als ich ihn im Sommer 1960 während seines Wahlkampfes gegen Nixon beobachtete. Aber auch jetzt, da ich drei Jahre danach wieder in Amerika gewesen bin, da ich ausgiebig und gründlich mit den Beratern des Präsidenten im Weißen Haus, im State Department und im Pentagon gesprochen habe, da ich zehn Tage lang die nervöse Geistigkeit seines neuen Washingtons gespürt habe und dabei auch manche Mängel seines Programms und vor allem seines Stils nicht zu übersehen vermochte – auch jetzt bringe ich es nicht über mich, in den Chor der Kritiker einzustimmen.

Gut, es sind nicht all seine Blütenträume gereift, doch hätte er deswegen gar nicht träumen sollen? Nur wenige seiner wohlgesetzten Worte sind auf fruchtbaren Boden gefallen, doch hätte er darum gar nicht reden dürfen? Und wenn der Vorschußlorbeer rasch verwelkte, den wir ihm nach den acht müden, prosaischen Eisenhower-Jahren um die Stirn wanden – ist es seine Schuld oder unsere? Oder die einer raketenstarrenden Welt, in der es eben kaum "neue Grenzen" gibt, sondern in der es schon viel ist, wenn die alten Grenzen gehalten werden?

John F. Kennedy hat seine neue Grenze nicht erreicht, doch hat er die alte Fußbreit um Fußbreit neu vermessen lassen; er weiß jetzt, wo er steht und warum er dort steht. Er hat Amerika noch nicht wieder in Bewegung gebracht – aber wie bringt man ein im Grunde konservatives Land in Bewegung, dessen Institutionen obendrein noch ausdrücklich so konstruiert sind, daß die Kräfte der Beharrung stärker werden können als die der Reform? Er hat jenen Durchbruch im Ost-West-Verhältnis nicht zu erzwingen vermocht, von dem er in seiner Antrittsrede gesprochen hatte – aber wie zwingt man ideologieblinde Weltrevolutionäre zu einem Neubeginn, es sei denn durch viel Festigkeit und noch mehr Geduld? Auch ist er einer Lösung für die Probleme der unterentwickelten Welthälfte kaum näher gekommen – aber läßt sich das schier Unlösbare überhaupt in einer Präsidentschaftsperiode, ja, in einer Generation lösen?

Und was das westliche Bündnis anlangt – hat etwa Kennedy die Auflösungserscheinungen zu verantworten, die es heute in seinem Bestand gefährden? "Kaum etwas gibt es, was wir vereint nicht in einer Fülle kühner gemeinschaftlichen Unternehmungen zuwege bringen könnten", hatte er den Verbündeten in seiner ersten Rede als Präsident zugerufen. Wenig würden wir aber erreichen, wenn wir uneins wären, denn einer mächtigen Herausforderung dürfen wir nicht in Entzweiung und Zersplitterung entgegentreten." Heute sind wir die Zeugen eben solcher Entzweiung und Zersplitterung, vor der er damals warnte. Auf sein Konto geht sie nicht.

Der Präsident hat in der ersten Kuba-Krise von 1961 die Bitterkeit der Niederlage bis zur Neige ausgekostet und dennoch in der zweiten, nach dem Blick in den höllischen Abgrund des Atomkrieges, den Triumph des Erfolges vom Herbst 1962 mit besonnener Mäßigung zu tragen gewußt. Seine Gegner versteht er schon zu handhaben. Schwerer hat er es da mit seinen Freunden und Verbündeten, den Europäern.