H. B. Brüssel, im Juni

In der Politik können die besten Ideen falsch sein, wenn sie zum unpassenden Zeitpunkt unter die Leute gebracht werden. Das gilt für die Aufforderung des EWG-Außenkommissars Rey (Belgien) an die Regierungen der Ostblockstaaten in Europa, die europäische Gemeinschaft diplomatisch anzuerkennen. Mehr als 60 Staaten der Weit haben bereits ihre Botschafter und Missionschefs beim Präsidenten der Brüsseler Kommission, Professor Hallstein, akkreditieren lassen. Vertreter der Ostblockstaaten befinden sich aber in der Liste des diplomatischen Korps der EWG nicht.

Nützlich wäre es außer Zweifel, wenn die Gemeinschaft der freien Europäer mit Regierungen wie denen in Warschau oder Budapest über deren zoll- und handelspolitische Sorgen ins Gespräch käme. Die Polen zum Beispiel sind bis jetzt in Brüssel darauf angewiesen, sich ihre Informationen über die Gefahren für ihre lebenswichtigen Fleisch- und Geflügelexporte in die EWG mühevoll aus dritter und vierter Hand zu beschaffen. Mit einem polnischen Botschafter bei der EWG-Kommission wäre das einfacher. Ein besserer Kontakt läge aber auch zweifellos im Interesse einiger EWG-Staaten.

All dies gilt aber nur, wenn jedes einzelne Land des Ostblocks für sich diplomatische Beziehungen zur EWG aufnimmt und nicht die gemeinsame Wirtschaftsorganisation "Comecon", das Gegenstück zur EWG – damit betraut. Das direkte Gespräch Comecon–EWG erschwert eine selektive Behandlung der Ostblockstaaten. Ja, solche Kontakte der zwei Wirtschaftsorgane könnten sogar dazu führen, daß die einzelnen Länder, etwa Polen und Ungarn, mittels einer zentralen Lenkung ihrer Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zu Westeuropa noch mehr in den Ostblock integriert würden.

Die EWG aber – momentan im Handels- und Zollringen mit allen Teilen der Welt außer dem Sowjetblock – scheint auf Ostkontakte nicht vorbereitet. Sie muß sich erst selbst konsolidieren. Reys Anregung kommt zu früh.