Von Uwe Nettelbeck

Als im Jahre 1957 die erste Nummer der Zeitschrift Filmkritik (Verlag "Filmkritik", Frankfurt am Main, Rückertstraße 39) erschien, war dies ein Versuch der Affinität zwischen Produktion und Kritik in Westdeutschland zu entkommen. Die Filme waren schlecht, die Chance zum Neubeginn war bereits vertan, die Amerikanisierung des Marktes, Filme, die die Wiederbewaffnung popularisierten, drückten das Niveau, und so war die Kritik: von geringem Informationswert, konventionell und empfindelnd. Der Film wurde als Kulturgut hinderen Ranges nebenher abgefertigt, eine Beschäftigung für Volontäre. Die Malaise zeichnete sich bereits ab, und den profilierten Filmzeitschriften des Auslandes (Sight and Sound, Film Culture, Cahiers du Cinéma, Positif, Bianco e nero etwa) stand hierzulande nichts auch nur annähernd Vergleichbares gegenüber, Startratsch war / das Äußerste.

Es ging aber Enno Patalas und seinen Mitarbeitern nicht allein darum, endlich ernsthaft Filmkritik zu betreiben, sondern sie wußten auch "wie" und gegen was und formulierten eine entschiedene Programmatik: "Wir wollen es mit Walter Benjamin halten: Das Publikum muß stets unrecht erhalten und sich doch durch den Kritiker vertreten fühlen... Nichts ist so überholt wie die feuilletonistische Kunstkritik, die Eindrücke und Einfälle notiert, statt Strukturen nachzuweisen, die beschreibt, statt zu interpretieren

Seit drei Monaten gibt es eine weitere, von Hans Dieter Roos und Werner Schwier herausgegebene Filmzeitschrift: Soeben ist das zweite Heft von Film (Filmkunst-Verlag, München, Promenadenplatz 10) erschienen.

Im Geleitwort zur ersten Nummer erklären die Herausgeber Schwierigkeit und Wagnis eines solchen Unterfangens, bitten um Nachsicht und um ein endgültiges Urteil erst nach dem fünften Heft. Eine definierte Position haben sie nicht, sie deuten ihr Vorhaben vage an: Ein "Klima" soll geschaffen werden, Filmkultur soll blühen. Man erinnert sich der Funktion etwa der Cahiers beim Zustandekommen der "Neuen Welle" und erhofft sich eine ähnliche Chance. Man wiil zuverlässige Information besonders über ausländische Filme liefern und die "Auseinandersetzung um das Phänomen Film in diesem Sinne künftig führen".

Steht es mithin rosig um die deutsche Filmpublizistik, bricht die Ära der Erneuerung endlich an?

Sowohl Filmkritik wie Film sind letzten Endes Zeitschriften, die sich einen so oder so beschränkten Leserkreis richten, an Fachleute vor allem. Man kann also hoffen, Keimzelle zu werden, aber nicht damit rechnen, eine qualitative Veränderung des deutschen Filius oder auch nur des "Klimas" erzwingen zu können. Die Möglichkeit zu gezielter Polemik und tatsächlicher Einflußnahme ist nur gering.