Die Europäer haben ein bedeutsames Präjudiz geschaffen: sie beschlossen im Rat der EWG-Landwirtschaftsminister die erste Annäherung der Preise für einige Sorten Getreide. Soll man nun frohlocken? Bricht sich die Vernunft jetzt Bahn?

Im Gegenteil. In einigen Partnerländern werden zwar die untersten Preisgrenzen für Gerste und Roggen um Beträge zwischen 3 und 8 DM angehoben, beim Mais müssen die Italiener sogar ihre extrem niedrigen Preise um 13 DM anheben. Die hohen Preise aber bleiben unangetastet. Allerdings kann die EWG auch auf diesem Weg zu einem gemeinsamen Preis kommen: wenn die unteren Preise immer mehr in die Höhe geschraubt werden, dann erreichen sie eines Tages gewiß sogar die deutschen Höhen.

Die Brüsseler Aktion ist jedoch fragwürdig. Die europäische Angleichung der Agrarpreise sollte doch nach allen Gesetzen der Vernunft nicht durch Preiserhöhung erfolgen. Es sei denn, der gesamte EWG-Ministerrat wollte sich das von dem deutschen Landwirtschaftsminister Schwarz erfundene inflationäre Konzept zu eigen machen, wonach die Preise der europäischen Partner solange steigen sollen, bis die unseren erreicht sind. Man mag es als ein Trostpflaster ansehen, daß die Einführung höherer Qualitätsstandards für Roggen und Gerste die deutschen Preise für beide Produkte de facto um 8 DM bzw. 6 DM senkt, obwohl die Preise nominell dieselben bleiben.

Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Das zeigt sich daran, daß der Ministerratsbeschluß die wichtigste Getreideart – den Weizen – nicht betrifft. Dort bleibt alles beim alten. Erst zum Jahresende will man sich über eine Preisangleichung im klaren sein. Bonner Gesprächspartner lassen schon jetzt in Brüssel wissen, daß man dann wohl nicht um eine erste, deutsche Weizenpreissenkung herumkommen werde. H. B.