R. B., Berlin, im Juni

Einige geistliche Herren erschienen am vergangenen Wochenende an der Übergangsstelle für Westdeutsche in Berlin und legten ihre Ausweispapiere den SSD-Schalterbeamten vor. Sie wollten an der Synode der evangelischen Kirche der Union (EKU) im Ostberliner Stöckerstift teilnehmen. Sogleich trat jedoch der "Objektoffizier" auf und sagte: "Ich muß Ihnen den Übergang verwehren." Nach dem Abschluß der Synode seien sie jedoch "herzlich willkommen".

Die vierzig Pastoren aus Rheinland und Westfalen mit Präses Wilm aus Bielefeld an der Spitze begriffen sofort. Sie hatten, nach dem Gespräch ihrer Brüder in Ostberlin mit dem DDR-Staatssekretär Seigewasser, mit Schwierigkeiten gerechnet: Seigewasser nahm Anstoß daran, daß die Synode gesamtdeutsch sein sollte. Er bot Erleichterungen für eine Regionalsynode-Ost in Magdeburg an und versprach auch, daß die Westdeutschen, allerdings nur als Gäste, in großer Zahl daran teilnehmen könnten. Ein förmliches Verbot sprach er nicht aus, aber er erwartete wohl, daß die Kirchen der EKU von sich aus auf ihr gesamtdeutsches Treffen verzichten würden.

Die Überraschung im Kreise der EKU war auch aus einem anderen Grunde gering: Seit langem gehört es zur Politik des SED-Staates, kirchliche Begegnungen zu verhindern, an denen Vertreter aus beiden Teilen Deutschlands teilnehmen sollen. Als die Synode der EKD in der Bundesrepublik stattfand, gaben die kommunistischen Behörden den Vertretern der Gliedkirchen aus Mitteldeutschland keine Ausreiseerlaubnis. Als die Synode von Berlin-Brandenburg abgehalten wurde, war es den Synodalen ebenfalls verwehrt, die Veranstaltungen der jeweils anderen Seite zu besuchen.

Jetzt muß die EKU einen Weg finden, um trotz der Trennung vereint zu bleiben. Man könnte Regionalsynoden einberufen und durch die Addition der Stimmen beider Synoden die Entscheidungen herbeiführen. Man könnte auch diejenige Synode, die mehr als 50 Prozent der Synodalen hat, als maßgeblich für beide Synoden ansehen.

Die letztere Lösung hat die EKD gewählt und damit die westliche Entscheidung sichergestellt. Als eine Art "Gegenleistung" hält es Präses Wilm für durchaus möglich, daß der Rat der EKU nach dem gleichen Prinzip verfährt und damit die Entscheidung in die DDR verlegt, wo fünf der sieben EKU-Gliedkirchen ihren Sitz haben.