Von Walter Gong

Josef Schmitz, 21 Jahre alt, kräftig gebaut, seit Jahren im Katholischen Bauorden tätig, packt seine Koffer. Er wird als einer der ersten deutschen Entwicklungshelfer mit dem Segen der "Deutschen Entwicklungsdienst"-GmbH und der Bundesregierung für zwei Jahre in den afrikanischen Urwald gehen. Er wird dort der Bevölkerung beizubringen versuchen, wie man zum Beispiel passierbare Straßen baut – in Selbsthilfe, zum nächsten Dorf erst einmal –; und wie man aus den Hölzern des Waldes Verschläge baut, in denen Geflügel gezüchtet wird; und wie man dieses Geflügel züchtet; und wie man sich gegen die Tsetsefliege wehrt; wie man mittels vorbeugender Spritzen von den vielen schlimmen Erkrankungen verschont bleiben kann, die ganze Stämme hinwegraffen oder dezimieren, und wie man, dies vor allem, Vertrauen zum weißen Mann gewinnt: denn er kommt nicht als Eroberer und auch nicht als Missionar, sondern als geduldiger, bescheidener Freund und Helfer.

Er hat sich auf zwei Jahre verpflichtet. Er wird in einer Hütte wohnen; aber diese Hütte wird einen Kühlschrank haben, in dem Lebensmittel und Medikamente gelagert werden. Mit einem Kurzwellengerät wird er den Funk der Welt hören. Und wenn ihm sein Werk gelingt, wird er entweder im Urwald bleiben – oder als vielbegehrter Fachmann der Entwicklungshilfe in die Heimat zurückkehren, wo sich die Industrie um ihn reißen wird und staatliche Dienststellen.

Josef Schmitz ist das Idealbild des deutschen Entwicklungshelfers, denn er hat alle Tests bestanden, die geistigen, moralischen und physischen. Er ist einer von Tausenden, die sich gemeldet haben, und man hat ihn genommen, während die meisten anderen abgewiesen wurden.

Schade nur, daß er nicht verheiratet ist. Man bevorzugt sonst Ehepaare, die zusammen hinausgehen in diese fremde, wilde, bunte, vielleicht auch feindselige Welt des Primitiven, der Armut, der Not, der großen Zukunftshoffnung. Hätte er eine Frau, so würde man auch von ihr erwarten, daß sie Entwicklungshilfe leistet: als Krankenhelferin etwa, oder indem sie Urwaldkindern Lesen und Schreiben beibringt oder einfach dadurch, daß sie freundlich und hilfsbereit ist zu ihren Mitmenschen, fröhlich durchs Dorf schreitet, Kranken Linderung verschafft, Gesunden ihre Nähmaschine zur Verfügung stellt, Kindern den Kopf streichelt und Erwachsenen die Hand reicht...

Solche Josef Schmitzes wird es, so hofft man in Bonn, nach der großen "Rekrutierungsaktion" viele geben, Hunderte zuerst, Tausende sodann. Aber es wird Zeit kosten, sie zu finden, Zeit und Geld. 1963 will man fünf Millionen Mark dafür ausgeben, 1964 gar dreißig. Wenn diese Zahlen auch zu hoch gegriffen sein sollten – der Apparat, der von Staatswegen aufgebaut wird, sollte eigentlich schon dafür sorgen, daß keine Finanzebbe eintritt. Die "Deutsche Entwicklungshilfe"-GmbH, die sich zu 50 Prozent aus Mitteln der Bundesregierung und zu 50 Prozent aus privaten Beiträgen (vor allem der Industrie) finanzieren wird, erhält einen Verwaltungsapparat, der ausschließlich vom Staat bezahlt wird.

Die drei bis vier Abteilungen – Projektsuche, Einsatzabteilung, Organisation und Finanzverwaltung – werden komplett vom Staat gestellt – und schon ist, wen will’s wundern, der Kampf um die Planstellen entbrannt. Dennoch, entscheidend sei, so heißt es, daß der Apparat den freiwilligen Friedenskorpsjüngern dient – und nicht umgekehrt. Man muß darauf ein Auge haben.