Die Preußische Bergwerks- und Hütten-AG in Hannover, kurz Preußag genannt, deren Name auf eine Betätigung im Grundstoffbereich hindeutet, hat auch 1962 alle Anstrengungen gemacht, um in neue Gebiete der Betätigung außerhalb des Grundstoffbereichs vorzustoßen und die bestehenden Arbeitsbereiche dort auszudehnen, wo sie gewinnbringend erscheinen. Seit Jahren schon zeigt diese erste "Volksaktien"-Gesellschaft eine starke Dynamik, zu der sich jetzt die Bemühungen um eine Straffung der Konzernorganisation hinzugesellen. Diese Bemühungen erscheinen um so notwendiger, als die Palette der Arbeitsbereiche der Preußag von der Kohlen-, Erdöl-, Erdgas-, Erz- und Kaliförderung über die Verhüttung von Blei- und Zinkerzen, die Strom- und Briketterzeugung, den Brunnen-, Wasserwerks- und Rohrleitungsbau, die Chemie, Ziegelei, den Verkehr auf der Schiene, zu Wasser und auf der Straße bis zum Kohlenhandel, der Industrieberatung und der Beteiligung an Gesellschaften des Stahlbaus, der Salzerzeugung und der Fertigung von Kosmetika reicht. Die Auffächerung ist zwar noch nicht so breit wie etwa bei der Oetker-Gruppe, aber die Entwicklung scheint doch zu einem regelrechten Finanzkonzern hinzugehen.

Was hat sich nun im vergangenen Jahr getan? Zunächst einmal kann die Gesellschaft stolz feststellen, daß es in ihren Arbeitsbereichen keinen Konjunkturrückgang gegeben hat. Die Kapazitäten waren praktisch voll ausgelastet, und die Produktion ist auf fast allen Gebieten gestiegen. Das darf aber, wie der Geschäftsbericht ausführt, nicht über die strukturellen Schwierigkeiten in der Grundstofferzeugung hinwegtäuschen, die sich schon seit langem in dem Mißverhältnis zwischen der Entwicklung der Kosten und Erlöse offenbaren.

Gemeint ist hier vor allem der Bereich der Nicht-Eisen(NE)-Metalle. Die Bundesrepublik steht unter dem Druck der durch Angebote aus dem Ostblock und aus staatlich geförderter westlicher Produktion herabgewirtschafteten Kurse an der Londoner Börse. Dieser Erlösdruck und die weiteren Kostensteigerungen, vor allem für das Personal, gestatten kein gewinnbringendes Arbeiten auf diesem Gebiet mehr. Allerdings sind, so meint der Vorstand, die Tiefstkurse inzwischen überschritten. Außerdem erwägen sowohl die Bundesregierung wie die EWG-Kommission Hilfs- und Übergangsmaßnahmen.

Die Steinkohlenbergwerke Ibbenbüren mit ihrem hohen Anteil an Hausbrandsorten haben ihren Absatz um 9 % gesteigert und lagen damit erheblich über dem Bundesdurchschnitt. Der Anteil des Konzerns an der Erdölförderung der Bundesrepublik wurde auf 10,5 gegenüber 9,7 % im Vorjahr verbessert. Der Absatz an Erd- und Erdölgas ist sogar um 77 % gewachsen. Die Preußag bohrt auch in Vorarlberg, Sizilien und der Westsahara. Hinzugekommen ist im letzten Jahr eine Konzession in Marokko.

Stellt man den Anteil, den die einzelnen Bereiche an dem um 15 % auf 735 Mill. DM angewachsenen Fremdumsatz hatten, dem Anteil gegenüber, den sie zum unversteuerten Gewinn beitrugen, so ergeben sich beträchtliche Unterschiede. Während der Anteil der NE-Metalle auf 28 (Vorjahr: 33) % sank und bei der Kohle mit 24 (25) sowie beim Erdöl mit 24 % gleichblieben, brachten die NE-Metalle keinen (20 %) Gewinn, die Steinkohle 18 (13) % und das Erdöl gar 60 (44) %, ein Beweis, wie lukrativ dieser Geschäftszweig in Deutschland bisher ist. Der Verkehr, dessen Ergebnisse nur im zweiten Halbjahr 1961 von der VTG Vereinigte Tanklager und Transportmittel GmbH, Hamburg, beeinflußt waren, hat seinen Umsatzanteil auf 13 (6) gesteigert und war am Ergebnis mit 15 (17) beteiligt. Die übrigen Betätigungen einschließlich des Wassers brachten 11 (12) % des Umsatzes und 7 (6) % des Ergebnisses.

Die stärkste Expansion gab es 1962 im Verkehrsbereich. Das wird schon daran deutlich, daß von den um rund 40 % auf 198,8 Mill. DM gesteigerten Investitionen – dem bisher höchsten Betrag – 42 % auf diesen Bereich entfielen. Die VTG, seit Mitte 1961 zum Konzern gehörig, hat ihren Kesselwagenbestand 1962 um 23 % aus 9780 Wagen erweitert, ihr Transportvolumen und ihre eigene Lagerkapazität sogar um 31 %. Daneben wurde die Deutsche Fanto-GmbH, die größte gewerbliche Binnentankreederei Deutschlands, voll in den Konzern eingegliedert. Sei: Anfang 1963 hält die Preußag ihr gesamte; Kapital. Die Preußag hat nach ihrer eigener Aussage damit eine führende Stellung im Transport von Flüssigkeiten auf Schiene und Binnenwasserstraßen sowie in ihrem Umschlag und ihrer Lagerung erreicht. Seit dem Februar 1963 kanr der Konzern mit dem Erwerb der Nordwest Transport GmbH, Neumünster, sein Angebot auch auf Straßentankwagen ausdehnen.

Ganz rein ist dieses Verkehrsglück jedoch deshalb nicht, weil die Bundesbahn der VTG mit den Kesselwagen der bundeseigenen Industrieverwaltungsgesellschaft mbH (IVG), Bad Godesberg, Konkurrenz macht. Diese 6378 Kesselwagen mußte die VTG, eine frühere Tochter der IVG, bei ihrer Privatisierung an ihre alte Obergesellschaft verkaufen, wofür man militärische Notwendigkeiten nannte. Die VTG sollte die Bewirtschaftung behalten, die man ihr aber später wieder entzog. Die IVG ist nun dabei, unter anderem aus Mitteln der VTG-Privatisierung zusätzliche 700 Kesselwagen anzuschaffen. Die Preußag, die der Ansicht ist, daß sie etwaige verteidigungspolitische Auflagen ebensogut wie die Bundesbahn erfüllen kann und daß man nicht für ein privatisiertes Unternehmen eine neue staatliche Konkurrenz aufbauen sollte, hat energische Schritte angekündigt und wird demnächst ein Rechtsgutachten zu dieser Frage vorlegen.