Keine Macht der Welt kann diesen Staat mehr beseitigen

Von Marion Gräfin Dönhoff

Als Theodor Herzl, damals Korrespondent der Wiener Neuen Freien Presse, 1894 in Paris am Dreyfuß-Prozeß teilnahm und in den langen Sitzungen dieses ersten großen politischen Schauprozesses unserer Zeit die Welle des Antisemitismus spürte, die damals durch Frankreich ging, da wurde er zum Zionisten. – Zum Vater jener Bewegung, die eine jüdische Staatsidee und eine großangelegte jüdische Einwanderung nach Palästina verfocht.

Die erste Einwanderung hatte Anfang der achtziger Jahre stattgefunden – nach den Judenpogromen, die in Rußland der Ermordung Zar Alexanders II. gefolgt waren. Sie wurde noch vorwiegend mit philantropischen Gesichtspunkten motiviert. Von nun an aber wurden politische Forderungen erhoben. Als 1903 mit dem Pogrom von Kishinew das große Judenmorden in Rußland seinen Höhepunkt erreichte, erwachte das jüdische Bewußtsein im Osten. Dort, in Rußland und Polen, lebten damals mehr als die Hälfte aller Juden der Welt, obgleich in den letzten sechs Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts 900 000 Juden nach Amerika ausgewandert waren. Nach Palästina emigrierten in der gleichen Zeitspanne nur 35 000; die gleiche Zahl aber wanderte in dem einen Jahrzehnt von 1904 bis 1914 in Palästina ein.

Jene Generation war geprägt von der deutschen Jugendbewegung (die die geistige Wiege des Zionismus gewesen ist), sie hatte ein wenig von Rousseau und sehr viel von Tolstoj übernommen: Weg vom Merkantilen, zurück zur Natur. Die Juden, durch Jahrhunderte von der natürlichen Vielschichtigkeit einer normalen Gesellschaft ausgeschlossen, auf das Getto-Dasein und einige wenige Berufe beschränkt, strebten in Vorbereitung auf den zukünftigen Staat und dessen Kolonisierung wieder zurück zum Urberuf, zur bäuerlichen Lebensweise.

So entstand 1909 der erste Kibbuz amTiberias-See mit acht Mitgliedern, der Kibbuz Degania, dem sich der neue israelische Ministerpräsident Levy Eschkol anschloß, als er 1914 – genau wie Ben Gurion aus dem zaristischen Rußland kommend – in Palästina einwanderte. Heute gibt es etwa 80 000 Menschen, die in 250 dieser Kollektivsiedlungen leben. Der Boden gehört dem Volk und ist nur in Erbpacht an die Siedlungsgemeinschaft ausgegeben. Es gibt kein Privateigentum. Alles, auch die Zimmereinrichtung, mancherwärts sogar die Kleidung, gehört dem Kibbuz und wird von ihm gestellt. Alle Erträge werden gleichmäßig verteilt (also nicht nach Leistung, um die Alten und Kranken nicht zu benachteiligen). Nur Eigenarbeit ist erlaubt; es dürfen also keine Hilfsarbeiter gegen Lohngeld angestellt werden. Die Kinder werden von der Gemeinschaft erzogen. Sie werden gleich nach der Geburt dem ausschließlichen Einfluß der Mutter entzogen und alle gemeinsam betreut.

Die Solidarität der klassenlosen Gesellschaft – oder weniger marxistisch und mehr in der Sprache der Jugendbewegung ausgedrückt, die absolute Kameradschaft – ist mithin die Grundforderung dieser Lebensordnung. "Jeder gibt, was er kann, und bekommt, was er braucht", so hieß es.