Das Leben im Kibbuz

In Hasorea, einem Kibbuz, der 1936 von deutschen Einwanderern gegründet wurde und in dem heute noch 70 Prozent der Mitglieder deutschen Ursprungs sind, war der Geist einer solchen unverbrüchlichen Gemeinschaft sehr spürbar. Mehrfach fiel in der Unterhaltung der Ausdruck "die draußen", wenn von den Städten, der Industrie oder Administration die Rede war. Die draußen – das wird als Gegensatz zu der klösterlichen Gemeinschaft drinnen empfunden.

Nun erweckt allerdings der Ausdruck "klösterlich" wohl doch eine falsche Vorstellung; ich will darum versuchen, Hasorea zu schildern. Hasorea ist ein Kibbuz der Mapam, also der Linkssozialistischen Partei. (Alle Kibbuzim stehen in einem festen Verhältnis zu einer Partei oder Religionsgemeinschaft.)

In Hasorea leben etwa 600 Menschen. Es gehören 700 Hektar Land – Getreide, Wiesen, Obstkulturen – dazu, und seit einigen Jahren gibt es auch etwas Industrie dort. Ich war sehr gespannt, denn lange, ehe ich etwas vom israelischen Kibbuz wußte – 1945, als ich mit dem Strom der Flüchtlinge aus dem Osten kam –, hatte ich vorgehabt, mit Freunden eine Kollektivsiedlung in Westdeutschland zu gründen; ein Plan, der sich dann zerschlug.

Wie also würde es sein? Ein Dorf wie bei uns? Eine Dorfstraße vielleicht mit Häusern rechts und links? Ein großer Gutshof, die Ställe im Viereck um den Hofplatz oder die Düngerstätte? Es sah ganz anders aus. Man fährt durch ein Tor und befindet sich sogleich auf einem großen Platz, über den recht unsystematisch einige Gebäude verteilt sind: Maschinenschuppen, Lagerhäuser, Schusterwerkstatt, weiter unten der Kuhstall, ein großer luftiger Holzstall mit 100 Kühen. Der Herdendurchschnitt des schwarzweißen Viehs beträgt 6000 Liter pro Kuh – eine Leistung, die jeden Landwirt überall in der Welt neidblaß machen kann. Etwas oberhalb die Hühnerfarm mit 10 000 Tieren und ein wenig abseits zwei große Gebäude, die Möbelfabrik und eine Fabrik, die Plastikbeutel herstellt.

Hasorea ist ein alter Kibbuz, dem man nicht mehr ansieht, durch wie viele Entbehrungen seine Gründer gegangen sind, die jahrelang in Baracken und Hütten gelebt hahen. Heute wirkt die Anlage wie eine Ferien-Bungalow-Siedlung. Keine Fahrstraße; man geht auf schmalen Fußwegen zwischen kurzgeschorenem Büffelgras und blühenden Sträuchern von einem Bungalow zum anderen. Meist wohnen zwei, manchmal vier Familien in einem solchen Häuschen.

Jeder Familie stehen nur anderthalb Zimmer zu, außerdem Dusche oder Bad. Küchen braucht man nicht, denn die Mahlzeiten, auch das Frühstück, werden von allen zusammen im Gemeinschaftshaus eingenommen. Das ist ein riesiger moderner Bau: unten Büros und Lesezimmer, oben der Eßsaal, in dem man jeweils zu viert am Tisch sitzt.