Ich wohnte in dem Zimmer eines jungen Ehepaars, das – eben weil es jung ist – nur dieses eine Zimmer von etwa zwölf Quadratmetern zur Verfügung hat: vorn und hinten eine überdeckte Holzveranda, die am ganzen Haus entlang läuft. In der Mönchsklause gekachelter Fußboden, eine Bettstatt, ein Sessel (Holz mit Gurten bespannt), zwei Holzhocker, eine Kommode – alles modern, einfach, hübsch, ein winziger Tisch, darüber hängen an der Wand drei Bretter mit Büchern – sämtlich in Hebräisch. Soviel ich feststellen kann: Lexika, Geschichte, Archäologie, Chagall, das Alte Testament mit Kommentaren in zehn Bänden. Außerdem steht ein Radio im Zimmer; das gehört zur Standardausrüstung jeder Familie, seit der Kibbuz, nicht zuletzt – und das ist erfreulich zu hören – durch individuelle Entschädigungen der Bundesrepublik, zu einem gewissen Wohlstand gekommen ist. Alle Mitglieder des Kibbuz, die solche Zahlungen empfingen, haben sie an die gemeinsame Kasse abgeliefert. Neuerdings hat die Vollversammlung beschlossen, daß die Mitglieder, die am längsten zum Kibbuz gehören, die es also am schwersten gehabt haben, nacheinander einmal nach Europa reisen dürfen. Ein großes Ereignis, denn niemand kann Reisen unternehmen, da ja niemand eigenes Geld hat.

Ich sprach mit einem der Gründer-Mitglieder (Jahrgang 1910), der im nächsten Jahr für eine solche Reise an der Reihe ist. Er war mit 35 Freunden, die einer Gruppe angehörten, die von der Zionistischen Jugendbewegung der "Kameraden" abgesplittert war – alles Akademiker, die damals gerade ihre Examina abgelegt hatten –, 1933 nach Palästina eingewandert. Sechs Jalre hatten sie in Zelten gelebt, hatten Steine von den Äckern gesammelt und Bäume gepflanzt. "Sehen Sie", sagte er, auf die weiten bewaldeten Berge weisend, "die haben wir alle aufgeforstet." Er war eigentlich Architekt, hatte damals gerade sein Studium in Berlin beendet, bei einem Lehrer, mit dem er über all die Jahre in Verbindung geblieben ist.

Ein war Sabbat Induster Zimmer lagen ein paar Diatter die er gerade hatte. Daran knüpfte sich eine Unterhaltung. Er erzählte, daß er neulich zum erstenmal seit den Berliner Tagen in einem Architektenbüro in Tel Aviv war. Es sei seltsam gewesen, die vielen jungen. Leute zu sehen, die, alle über Entwürfe gebeugt, an ihren Zeichenpulten saßen.

Ich hatte den Unterton mißverstanden und warf ein: "So ein Leben können Sie sich heute wahrscheinlich gar nicht mehr vorstellen ..." "Doch", antwortete er, "dieser Anblick war ein Schock für mich. Wissen Sie – ich habe meinen Beruf unendlich geliebt." Seine Stimme klang plötzlich ganz anders.

Meine abwesenden Zimmerbesitzer wollen, wie ich höre, beide Lehrer werden. Hasorea unterhält mit einem Nachbarkibbuz zusammen eine Schule für etwa zweihundert Kinder. Die Hauptrolle im Kibbuz, nein eigentlich in ganz Israel, spielen die Kinder. "Sehen unsere Kinder nicht prächtig aus?" fragte mich eine alte Bekannte voll Stolz. Es ist, als wollte man ihnen nicht nur alles Leid ersparen, sondern auch das Leid von Generationen an ihnen wiedergutmachen. Für sie wird alles getan. Aber auch sie müssen sich den Beschränkungen der Gemeinschaft unterwerfen. Ein junger Mann, der seine Militärzeit absolvieren muß, wollte für sein Leben gern Flieger werden, hätte sich dann aber für zwei zusätzliche Jahre verpflichten müssen. Der Kibbuz brauchte seine Arbeitskraft und hat ihm daher seinen Wunsch abgeschlagen. Der Herzenswunsch eines offenbar sehr begabten Mädchens war es, Musikerin zu werden. Aber die Gemeinschaft entschied, daß andere, die studieren wollten, förderungswürdiger seien, und das Mädchen mußte zu Hause bleiben.

Experimente ohne Beispiel

Diese Lebensform, deren Wesen in der Beschränkung von Wünschen, Anfechtungen und Versuchungen liegt, in der Disziplinierung gegenüber materiellen Verlockungen und dem Versuch, in einer Zeit allgemeiner Bindungslosigkeit höchste Konzentration zu üben – diese Lebensform können, so scheint mir, nur intellektuell sehr hochstehende Menschen ertragen. Kleinbürger würden der Prüfung, auf alles Private und Persönliche zu verzichten, gewiß nicht standhalten.