Von Robert Strobel

Bonn, im Juni

Die Bevölkerung eines Landes hat nur ganz selten Gelegenheit, unmittelbar auf die Politik Einfluß zu nehmen. Der Besuch des amerikanischen Präsidenten bot unserem Volk eine solche Chance, und es hat sie genutzt." So beurteilte einer der prominentesten Bonner Politiker den warmen Empfang, den die Deutschen Präsident Kennedy in dieser Woche bereitet haben. Und mag auch manches daran organisiert gewesen sein, die Verteilung der Fähnchen etwa, auf die Kennedy in einem Toast scherzhaft anspielte – es kommt doch weniger auf die Fähnchen an als auf die Stimmung, in der sie geschwenkt werden. Und diese Stimmung war herzlich und spontan.

Dem nüchternen, eher skeptischen Beobachter Kennedy ist das nicht entgangen. Er spürte, wie sehr sich das deutsche Volk der freien Welt zugehörig fühlt, und er spürte auch, daß es den Hunderttausenden vor allem darum ging, dem mächtigsten Garanten ihrer Freiheit für seinen Schutz zu danken und ihm die Verbundenheit der deutschen mit der amerikanischen Nation zu bekunden. Erst Äußerungen Kennedys haben in Bonn den Eindruck erweckt, daß sich der Präsident, der an seinem einstigen Deutschland-Bild schon manche Korrektur vorgenommen hat, nach diesem Erlebnis ein noch positiveres Bild unserer Nation zu eigen machen wird. Sein Besuch in der Bundesrepublik hat ihn in seiner Überzeugung bestärkt, daß sich unser Volk "von den Mächten der Tyrannei und der Aggression befreit hat", wie er es formulierte. Manches deutet darauf hin, daß er in Zukunft manchen mit antideutschen Vorbehalten belasteten Rat aus seiner Umgebung noch kritischer aufnehmen wird als schon in den letzten Monaten. Und vielleicht wird das die nachhaltigste Wirkung seines Besuches sein.

Die Begegnung Kennedys mit den Deutschen hat die engen Bande zwischen der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten weiter gefestigt. Der Verdacht, der nach dem Abschluß des deutsch-französischen Vertrags in vielen Äußerungen anklang, es sei ja auf die Deutschen doch kein Verlaß, ist ausgeräumt. Dem Bundeskanzler ist es unter vier Augen mit Kennedy offensichtlich gelungen, dem Präsidenten einen überzeugenden und beruhigenden Einblick in die Motive zu geben, die ihn zum Abschluß des deutschfranzösischen Vertrages bewogen haben. Daß es ohne eine endgültige Bereinigung der deutschfranzösischen Gegensätze, ja, ohne ein enges Zusammenwirken der beiden Völker keine europäische Einigung geben kann, bedarf für einen so klugen Mann wie Kennedy keiner Erläuterung. Vielleicht hat er deshalb auch in der Frankfurter Paulskirche dem deutsch-französischen Vertrag ein ausdrückliches Lob gezollt – an seiner großen Rede wurde jedenfalls noch in Bonn gearbeitet.

Der Kanzler hat den Präsidenten auch auf manche Schwierigkeiten im deutsch-französischen Verhältnis hingewiesen, die noch heute bestehen. Adenauer hat in diesem Zusammenhang wohl von den divergierenden Wirtschaftskonzeptionen gesprochen, über die unterschiedliche Beurteilung der Aufnahme Englands in die EWG und über den Aufbau einer multilateralen Atomstreitmacht. Aus der ganzen Beweisführung des Kanzlers hat Kennedy den Eindruck gewonnen, daß die Bundesregierung seine atlantische Konzeption bejaht und die NATO als unersetzbares und unverzichtbares Fundament unserer politischen Existenz ansieht.

Ungünstige Mitteilungen, die der Moskauer US-Botschafter Kohler dem Präsidenten über die nun erkennbare Haltung des Kremls zu den Verhandlungen über einen Atomversuchsstopp überbrachte, haben anscheinend ebenfalls eine Überarbeitung der Paulskirchenrede nötig gemacht. Zwar ließ der Präsident – wie schon tags zuvor in der Bonner Pressekonferenz – seine grundsätzliche Bereitschaft zu einer weltweiten Verständigung abermals erkennen. Aber er scheint die Aussichten doch sehr skeptisch zu beurteilen, wie sich aus einigen Formulierungen vor der Presse und noch deutlicher in seinem Gespräch mit dem Bundeskanzler ergab. In diesem Punkt, der nach dem Bonner Kommuniqué auch zur Sprache kam, dürfte es zwischen Adenauer und Kennedy kaum Differenzen gegeben haben.