Von Erwin Lausch

Sind die Kontinente fest in der Erde verankert oder treiben sie über die Erdoberfläche wie Eisberge über den Ozean? "Bevor es über diese Frage keine Übereinstimmung gibt", so schrieb Anfang des Monats der kanadische Geophysiker Professor J. Tuzo Wilson in der Wissenschaftszeitschrift "Nature", "ist kein völliges Verständnis der Geologie und Geophysik, der Evolution und der Paläoklimatologie möglich".

Der Direktor des Instituts für Erdwissenschaften an der Universität Toronto und frühere Präsident (1957 bis 1960) der Internationalen Union der Geodäsie und Geophysik glaubt, eine Frage "präzise" beantworten zu können, über die sich die Gelehrten seit einem halben Jahrhundert streiten. Nach seinen eigenen Worten hat Wilson einen "Mechanismus" entdeckt, "der – in Übereinstimmung mit physikalischer Theorie und vielen geologischen und geophysikalischen Beobachtungen – die Möglichkeit bietet, Kontinente zu zerspalten und zu bewegen".

Schon dem deutschen Naturforscher Alexander von Humboldt und vor ihm dem englischen Philosophen Francis Bacon (1561 bis 1626) war aufgefallen, daß die Ostküste Südamerikas und der Westrand Afrikas einander ergänzen wie zwei zusammengehörige Teile eines Puzzles. Doch erst ein Forscher unseres Jahrhunderts wagte das kaum Vorstellbare auszudenken. In seiner Kontinentalverschiebungstheorie fügte der deutsche Meteorologe und Polarforscher Alfred Weener 1912 die Konturen nicht nur Afrikas und Amerikas, sondern auch Australiens, Indiens und der Antarktis wie Fetzen einer zerrissenen Zeitung zu einem Riesenkontinent zusammen.

Vor 200 Millionen Jahren, so postulierte Wegener, bildeten diese Erdteile einen Superkontinent. Die gewaltige Landmasse sei dann zerborsten, ihre Teile seien, im Laufe von Jahrmillionen, Tausende von Kilometern auseinandergedriftet.

"Warum sollen wir zögern, die alte Anschauung über Bord zu werfen", erklärte Wegener damals hoffnungsfreudig, "ich glaube nicht, daß die alten Vorstellungen noch zehn Jahre zu leben haben."

Wegeners Voraussage erwies sich als voreilig. Als der-Forscher 1930 auf einer Expedition im Eis Grönlands ums Leben kam, war seine Kontinentalverschiebungstheorie zwar die meist diskutierte Hypothese der Erdwissenschaft geworden. Doch allgemeine Anerkennung hatte sie nicht gefunden.