Automobile wie Flugzeuge: "Avanti" mit Cockpit – Loewy: Imitator oder Genie? – Mode und ein bißchen Kitsch (Schluß)

Von Heinz Spielmann

Als Motto für seinen Bestseller "Häßlichkeit verkauft sich schlecht" hatte Raymond Loewy eine Maxime Oskar Wildes gewählt. Es heißt: "Man muß ein Kunstwerk sein oder ein Kunstwerk tragen" – ein Motto nicht ganz ohne Anspruch. Uns interessiert hier der zweite Teil der Alternative, zumal manche Kritiker Loewy als Pionier und ideenreichen Schöpfer zweckmäßiger schöner Formen feiern; Erich Pfeiffer-Belli nannte ihn vor einigen Wochen an dieser Stelle sogar ein Genie, ein Genie in der Vereinigung von Werbung und Ästhetik.

Es gibt keinen Zweifel, daß einige von Loewys Entwürfen besser als andere sind; sein Buch läßt es schon erkennen. Das gilt freilich weniger für die kurvigen Blechattrappen, in die er Vervielfältigungsmaschinen und Coca-Cola-Fontänen, Präzisionswaagen und Lokomotiven steckte, aber doch für Zigarettenpackungen und Kühlschränke. Es gilt in gewissem Sinn auch für seine Automobil-Karosserien, wenn man die chromstrotzenden Phantasiegebilde der amerikanischen Automobilindustrie etwa der Jahre 1952/53, in denen Loewys erstes Studebaker-Modell entstand, zum Vergleich wählt: der "Studebaker" sieht sparsamer, sachlicher, straffer aus.

Untersucht man diese Karosserie jedoch für sich allein, dann fallen sofort Einzelformen ins Auge, die weder zweckmäßig noch ästhetisch angemessen sind: Die schrägen, disproportioniert ten Kühleröffnungen, die angespitzte Vorderkante der Motorhaube, das Flügelrelief an den Flanken, die schräg angeknickte Strebe des Glasaufsatzes, die einem Torpedorohr ähnlichen Scheinwerfer. "Sinnvoll" sind solche Formen nur, wenn man an den "rasanten" Eindruck denkt, den sie hervorrufen sollen.

Erich Pfeiffer-Belli hat die drei Grundformen Loewys für den Entwurf seiner Autokarosserien schon genannt. Zwei von ihnen – "gute Sichtverhältnisse" und "möglichst geringes Gewicht" – sollten ohnehin selbstverständlich sein; die dritte – ein Wagen habe auch dann schnell auszusehen, wenn er steht – ist Bekenntnis zum Kitsch, wenn man mit Hermann Broch das Wesen des Kitsches in der Imitation begründet sieht. Peinlich wirkt es besonders bei Automobilen, die gar nicht so schnell sind, die weitaus mehr als normale Rennwagen "lebendig wie ein dahinrasender Windhund" aussehen, aber doch nur Dackel sind.

In einer seiner anschaulichen Vergleichsreihen hat Loewy das Automobil in eine aufschlußreiche Relation gestellt: "Die Automobilkarosserie", so schreibt er, "gestützt auf ein Chassis (oder Skelett) folgt den gleichen ästhetischen Bedingungen der Linienführung und der Sparsamkeit der Mittel wie der menschliche Körper." Nun ließe sich mit der gleichen zwingenden Logik der Unterscheidung in Skelett und Außenhaut die gesamte Kategorie der Wirbeltiere nutzbringend für die Form von Automobilen verwerten. Da Loewy aber für seine vergleichende Betrachtung nur eine dieser Möglichkeiten auswählte, darf man wohl annehmen, daß er gute Gründe dafür hatte.