Nach Raymond Cartier, der in "Paris Match" den Hintergrund der Profumo-Affäre analysierte, lautet die Meinung der unbescholtenen Engländer so: "Die ganze Sache betrifft uns nicht. Es handelt sich um einen Italiener (Profumo), dessen Familie niemals Zutritt zu unserer Insel hätte haben dürfen, um eine kleine Prostituierte deutscher Abstammung (Miß Keeler) und um zwei Jamaika-Neger. Allerdings, der Doktor (Ward) – aber der hat seine Ausbildung in Amerika erhalten

Danach erhebt sich für uns die Frage: Was spricht für die deutsche. Abstammung der kleinen Londoner Prostituierten? Zweierlei!

Ethymologische Erklärung: Die Vorfahren der Christine Keeler stammen aus Kiel, aus Kehl oder Kalau.

Geographische Mutmaßung: Die problematische Lage der Keeler zwischen Ost (Ivanow) und West (Profumo) entspricht der Lage Deutschlands.

Die Gründe für die Fremdenfeindlichkeit, die sich nach Cartiers Analyse im Gefolge des Profumo-Keeler-Ivanow-Skandals in England ausbreitet, sind leicht zu finden: Xenophobie ist seit jeher eines der wirksamsten Mittel gewesen, die Vergangenheit zu bewältigen. Auch unsere Behörden hätten einen gewissen Ausländer, der 1933 an die Macht kam, nie hereinlassen sollen. Uns selber geht die Sache nichts an. Der Name des Auslands hieß Österreich; den Namen des Ausländers werden wir bald vergessen haben, wenn wir das Mittel. Xenophobie anwenden.

Ebenfalls nach Cartier steht England heute vor einer steigenden Flut des Puritanismus. Schon fliehen die Call-Girls zuhauf in die Länder des "Gemeinsamen Marktes". Was wir, die "Sechs", dabei zu erwarten haben, wird schon durch die Mitteilung Cartiers angedeutet, daß es allein im Londoner Stadtteil Piccadilly zehntausend easy going girls gibt, die nach Ansicht xenophober Engländer hauptsächlich deutscher, französischer und irischer Abstammung sind.

Die Kulturhistoriker haben Anlaß, auf die puritanische Überschwemmung Englands unter Cromwell zu verweisen. Damals mußten Musiker, speziell Organisten und Cembalisten, das Land verlassen. Für sie war der Glanz des Elisabethanischen Zeitalters vorbei. Sie regten jedoch als Emigranten vor allem die norddeutsche Orgelkunst an. Was England blieb, war die Bezeichnung "Insel ohne Musik".

Die Kulturphilosophen haben Anlaß, uns weiszusagen, ob auch diesmal eine Elisabethanische Ära endet und schließlich in eine Victorianische münden wird, in der es nur fruchtbare Haushaltungen, über keinerlei lose ausländische Ablenkungen gibt. England – die Insel ohne Amouren".