Der 17. Juni warf seine Schatten voraus; schon in der Woche vorher hatten sich zwei Offiziere, ein Minister, ein Theologe und ein Professor zusammengefunden, um, am Bespiel eines Fernsehspiels über die Mauer, die Zwangssituation der Volkspolizisten zu zeigen. Es war ein vornehmes Gespräch, leise und von sachlicher Würde bestimmt. Man kam überein, die Lage der DDR-Bewohner in Zukunft ein wenig nüchterner zu analysieren, differenzieit und ohne das peinliche Krähwinkel-Pathos der Feiertagsredner. Mutige Worte wurden gesprochen: ein echtes Gegenbild, hieß der Tenor, müsse man zeigen, das Gesicht eines Landes, in dessen Büchern die Namen Scholl und Staufenberg größer und die Namen Globke, Oberländer, Lautz und Reinefarth kleiner geschrieben werden.

Gesprächsleiter Rühle, der einen Dialog über Werkraumtheater zu inszenieren versuchte, hätte hier lernen können, wie man es macht. Zu seiner Rechten saßen die Herren Stroux und Bremer, zu seiner Linken die Partner Rischbieter und Dorst. Zur Rechten wurde wild schwadroniert und, soweit es Bremer betraf, der bare Unsinn geredet; zur Linken schwieg man entschlossen. Der Autor, um den es doch ging (?), kam überhaupt nicht zu Wort: Rühle, von Stroux respektvoll als "Herr Doktor" bezeichnet, schnitt den armen Dorst in der erbärmlichsten Weise, sprach lieber selbst oder stimmte den Bremerschen Rodomontaden kopfnickend zu: Ulm als Zentrum der Welt!

Nein, das war nicht schön, und die Tatsache, daß der mächtige Stroux, sich über Martin Walser beklagend, dessen Heimat am Inn lokalisierte (wo der doch früher in Bodensee-Wasserburg wohnte), trug auch nicht recht zur Erheiterung bei.

Am Festtag wurde dann noch einmal die Problematik des schießenden Vopos beschworen. Gerd Oelschlegel, auf Schwarz-Weiß-Malerei sorgsam verzichtend, schrieb ein biederes Stück; die Regie war handfest; Hausmannskost muß sein. Der Intendant indessen sprach von einem "Höhepunkt"; der Abend des 17. Juni schien ihm geeignet zu sein, um, das Menschliche rühmend, mit zu Herzen gehenden Worten die eigene Anstalt zu preisen und den Zuschauern einen "besinnungsstarken Abend" zu wünschen.

Nun, Holzamer ist ein ehrenwerter Mann; doch war es gut, daß seine Rede das Programm nicht beschloß, sondern man die Gelegenheit hatte, die letzte Totenmesse für den verstorbenen Papst mitzuerleben. Ein Schauspiel feierlicher Weltlichkeit, Marmorgebärden, Tränen und Pomp! Vor allem das Elogium (leider viel zu schnell und mit unklassischer Aussprache verlesen) war ein Glanzstück, ein Epitaph, erfüllt vom Pathos Bossuetscher Trauerpredigten.

Auch die Absolution, Wyschinski und Spellman beim Umschreiten des Sargs, demonstrierte die Gewalt funebrer Ritualien: Wie schade, daß der Kommentator nicht den Sinn der einzelnen Gesten erklärte, so daß sich der schlichte Betrachter bisweilen so verloren wie die Prominenz vorkam (unter der man die Geschwister Roncalli schmerzlich vermißte) – schlafende Mongolen, gähnende Ladies und verstörte Exzellenzen; ein Vizepräsident, der sein Frackhemd befühlte, und ein ungeduldiger Außenminister: "Wann setzen wir uns endlich?" bedeutete Couve de Murville.

Dafür konnten die Kleriker dann um so gelassener folgen; auch der Sprecher war gebildet und klug, er intonierte das Lateinische echt – und das ist sehr viel, wenn man bedenkt, daß die Fernsehsprecher sonst das i in terris (pacem in terris) mit herzzerbrechender Kargheit als Kürze aussprechen, von Treverern und lutherisch reden oder gar die (!) Air in der Tischtennishalle aussprechen. Momos