Der Zug, der an diesem Morgen leer in den Hamburger Hauptbahnhof einrollte, war nicht ein Zug wie andere. Er hatte nur Wagen zweiter Klasse; den Speisewagen ersetzte ein "Tanzwagen", und die heranstürmenden Passagiere waren keine gewöhnlichen Reisenden. Es handelte sich um 600 meist junge Damen und Herren, die, obwohl sie zur selben Firma gehörten, einander nicht sonderlich gut vertraut waren. Sie erinnerten an Schüler, die nach einem Jahr schwerer Arbeit fröhlich und albern in die Ferien fahren. Aber es war keine Urlaubsfahrt, es war nur ein Betriebsausflug.

Die Wagen wurden zwar im Sturm, aber diszipliniert genommen; bald hatte jeder einen Platz in seiner Clique gefunden. Tanzmusik ermüdete diejenigen, die nicht tanzen wollten, doch ihr Einspruch wurde übertönt. Man nahm aus einem Papiersäckchen eine kleine Flasche Sekt, der also schon zum Frühstück floß. Vorsichtig begannen einige gutgesittet einen Flirt, der am Abend beim "Betriebsfest" in einem berühmten holländischen Badeort seine Krönung finden würde. Andere versuchten zu lesen, aber der Lärm des Zuges, das Lachen und das ständige Hin und Her der jungen Menschen machte es unmöglich. Die ununterbrochene Parade der vorbeieilenden Mädchen – einige sogar in goldenen langen Hosen – verlangte die ganze Aufmerksamkeit der Reisenden, so daß die Zeitungen entweder auf den Bänken oder auf dem Fußboden der Abteile achtlos liegen blieben.

In den Gängen, auf den Sitzen, unter den Bänken sammelten sich allmählich leere Tüten, ungelesene Zeitungen, leere Flaschen, so daß ein französischer Volontär, heimatliche Gefühle spürend, bemerkte: "Genau wie in einem französischen Zug!" Doch der Schaffner stapfte vorbei. Er schimpfte nicht nur nicht, er schmunzelte.

Nach dem Sekt folgten Sandwich und Bier, und sehr schnell wurde die Stimmung überaus munter. Nicht beteiligt waren die ewig Verschwiegenen, die ohne die Zärtlichkeit einer Frau nicht leben können und die halbverloren eine weibliche Schulter suchten, gemütlich und herzlich, um zu träumen und vielleicht zu schlafen. Nicht beteiligt waren die Intellektuellen, die trotz der betäubenden Tanzmusik aus den Lautsprechern sehr seriöse Gespräche führten. In alle Abteile des langen Zuges dröhnten die Lautsprecher. Doch der Schaffner tat, als höre er gerade diese Schlager für sein Leben gern.

Ein Ansager bat stets von neuem darum, die leeren Bierflaschen beim Steward der betreuenden Deutschen Schlafwagen-Gesellschaft abzugeben – der Steward lächelte noch, als er sich selber ans Sammeln machte.

Im Tanzwagen mußte man fürchten, daß sich unter rhythmischen Sprüngen die Achsen bögen; in einer Kurve ging eine Scheibe in Scherben. Kein Schaffner kam, kein Zugführer, um Schadenersatz vom Sachbeschädiger zu verlangen; nicht einmal Stirnen wurden gerunzelt.

Der Fahrkartenkontrolleur hatte bei der Abfahrt des Zuges niemanden kontrolliert. Jemand, der seinen "Fahrtausweis" verloren und den Zug mit einer Bahnsteigkarte bestiegen hatte, brauchte nicht nachzuzahlen: Der Schaffner winkte ab; er wollte nicht einmal eine Entschuldigung hören.