NORDDEUTSCHER RUNDFUNK

Mittwoch, 19. Juni, das Hörspiel:

Der langen Reihe älterer und moderner Formungen des klassischen Stoffes hat der Jugoslawe Jovan Hristic mit seinem Hörspiel "Orest" eine Version hinzugefügt, die überraschend ist. Der Autor wendet moderne Einsichten und Methoden auf den alten Stoff an: die Erkenntnis von der Relativität und die Betrachtungsweisen des Existentialismus.

Sieben Jahre, nachdem Agamemnon ermordet wurde, kehrt Orest nach Argos zurück, um den Vater zu rächen, also seine Mutter Klytämnestra und den Usurpator Ägist zu ermorden. Pylades, der Freund, zweifelt daran, daß Rache etwas Gerechtes sei. Er kann Orest nicht umstimmen. Jener ist zum Mord entschlossen, obwohl auch Elektra, seine Schwester, ihn zurückhalten will. "Man kann in der Erinnerung leben, aber das Leben gleicht nicht der Erinnerung."

Orest sieht aber ein, daß die Gegenwart nichts mit der Vergangenheit zu tun hat, daß die Schuldigen von damals nicht die Menschen sind, denen er wiederbegegnet, als Ägist und Klytämnestra vor ihm stehen. Ägist lädt Orest ein, an seinem Tische Platz zu nehmen. Zu einem Sklaven: "Bring uns das Frühstück für vier Personen, Eier Käse, Trauben und Wein." Orest bleibt zum Frühstück. "Wir sitzen hier zusammen in derselben Falle unserer gemeinsamen Erinnerungen. Ich hasse euch in meiner Erinnerung, aber wo ist sie geblieben?" sagt er.

Hristics Lösung heißt jedoch nicht, daß das Vergangene ein für alle Male vergangen bleibe. Eine andere Konstellation kann irgendwann Erinnerung und Leben zur Deckung bringen. So trennt sich Orest von Ägist mit den Worten: "Leben Sie wohl, mein Herr, und auf Wiedersehen vielleicht im nächsten Jahr."

Es liegt nahe, bei dieser Arbeit aus einem östlichen Lande zu überlegen, ob auch politische Erkenntnisse in die neue literarische Lösung des alten Stoffes hineingewoben sind. R. H.