Die jüngste Sitzung des Zentralkomitees der KPdSU ist nicht nach Programm verlaufen. "Erziehung zum neuen Menschen" hieß ihr Thema, aber dafür blieb wenig Zeit. Statt dessen mußten sich die Ideologen des Kreml mit der Konkurrenz aus Peking auseinandersetzen, die mit doktrinärer Starrheit und verbissenem Glaubenseifer an Vorstellungen festhält, die Moskau längst abgeschrieben hat. So fielen denn die Ermahnungen an die sowjetischen Künstler relativ milde und allgemein aus. Dafür benutzten die sowjetischen Parteiführer die Gelegenheit, den Chinesen die Leviten zu lesen.

Ein Brief aus Peking hatte die Kremlführung in Harnisch gebracht. Als schlimm genug wurde. dessen Inhalt empfunden: "unbegründete und verleumderische Ausfälle", "Entstellungen". Aber schlimmer noch war, daß die Chinesen dieses Schreiben veröffentlichten und damit zwei Wochen vor dem Moskauer Treffen, auf dem versucht werden sollte, die ideologische Kluft zwischen den zwei Zentren des Weltkommunismus zu schließen, den Burgfrieden brachen und den Streit wieder in die Öffentlichkeit trugen. Nicht nur in China, in Nordkorea und Nordvietnam wurde die Epistel aus Peking veröffentlicht, auch in Rumänien wurde sie im Auszug. nachgedruckt. Und in jenen Ostblockländern, in denen nach sowjetischem Vorbild die unwillkommene Botschaft den Bürgern vorenthalten worden war, brachten Mitglieder der chinesischen Botschaften das Schreiben unter die Leute.

Der Brief aus Peking enthält auf 67 Seiten 25 Thesen, in denen die Verhandlungsposition der Chinesen für die Moskauer Konferenz festgelegt worden sind. Verhandlungsthesen? Diese "Vorschläge für die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung" stellen einen radikalen Programmentwurf für den, Weltkommunismus dar, und sie sind gleichzeitig eine Anklageschrift gegen Chruschtschow und die sowjetische Partei. Wollte sich Chruschtschow diese Thesen zu eigen machen, so wäre dies seine politische Bankrotterklärung – das Eingeständnis, daß die gesamte politische Entwicklung in der Sowjetunion während der letzten zehn Jahre falsch gelaufen sei.

So verlangen die Chinesen auf der Konferenz, die am 5. Juli beginnen soll, noch einmal die Frage der Entstalinisierung zu diskutieren. "Unter dem Vorwand des Kampfes gegen den Personenkult", heißt es in dem Pekinger Brief, mischten sich "gewisse Leute grob in die inneren Angelegenheiten anderer Länder ein, um deren Führung ändern und diesen ihre eigene falsche Linie aufzwingen zu können. Ist dies nicht Großmacht-Chauvinismus, Sektierertum und Spaltertätigkeit? Ist dies etwas anderes als Subversion?" Der Moskauer Parteiideologe Iljitschow antwortete darauf vor dem ZK in gleicher Schärfe: Niemand außer den verstockten Doktrinären kann bestreiten, daß die Entlarvung des Personenkults und der Kampf gegen seine Folgen von einem hervorragenden moralisch-politischen Erfolg ... gekrönt wurde.

Und die friedliche Koexistenz? Die Chinesen verdammen das Prinzip als Verrat an der historischen Mission der proletarischen Weltrevolution: "Die Existenz von Kernwaffen kann die fundamentalen Widersprüche nicht lösen, kann das Gesetz des Klassenkampfes und auch die Natur des Imperialismus und der Reaktion nicht ändern. Iljitschow erwiderte, diese Probleme "könnten nicht losgelöst vom Kampf für den Frieden und für die Verhütung eines thermonuklearen Weltkriegs betrachtet werden".

Besonders hart gehen die Chinesen mit der sowjetischen Wirtschaftspolitik ins Gericht. "Es ist widersinnig", so heißt es in dem Brief, "sich die Praxis der Profitgier auf Kosten anderer zu eigen zu machen, eine Praxis, die die Beziehungen zwischen kapitalistischen Ländern charakterisiert." Und es fehlt auch nicht der Hinweis, daß China unter der sowjetischen Profitgier zu leiden hatte.

Punkt für Punkt, mit kaum zu überbietender Schärfe und mit einem Hochmut, der aus der Überzeugung stammt, allein im Besitz der reinen Wahrheit zu sein, rechnen die Chinesen den Moskauer Führern ihre Fehler vor. Was Chruschtschow eine "schöpferische Fortentwicklung des Kommunismus" nennt, ist für sie blanker Opportunismus: "Eine Partei, die keine proletarische, revolutionäre, sondern eine bourgeoise und reformistische, keine marxistisch-leninistische, sondern eine revisionistische Partei ist, eine Partei, die nicht die Vorhut des Proletariats, sondern die Nachhut der Bourgeoisie ist und statt der Interessen der Arbeiterklasse jene der Arbeiter-Aristokratie vertritt und statt einer internationalen Partei eine nationale ist... eine solche Partei ist absolut unfähig, das Proletariat zu führen."